American Dream... und wie man ihn wieder beleben könnte

Tags: American Dream SIW 15/2019 SMART INVESTOR WEEKLY (SIW) Smart Investor Ralph Malisch Ralf Flierl Christoph Karl

vom Smart Investor

In der Politik sind Gefühle Fakten, sagte Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber vor einigen Jahren. Zu beobachten ist dieses Phänomen gerade wieder in Berlin, wo das Gefühl eines großen Teiles der Bevölkerung ist, dass die Mieten langsam unbezahlbar geworden sind. Am Wochenende kanalisierte sich dies schließlich in einer Demonstration gegen den „Mietwahnsinn“ und der absurden Forderung des Grünen-Chefs Habeck, große private Immobiliengesellschaften wie die Deutsche Wohnen zur Not zu enteignen. Zwar gibt es ein Recht auf freie Meinungsäußerung, die aktuelle Debatte darf jedoch gleichzeitig als eine Art von groß angelegtem öffentlichen Intelligenztest angesehen werden – den weder Habeck noch die Berliner Aktivisten bestehen. Denn während viele ökonomische Sachverhalte so komplex sind, dass große Teile der Bevölkerung diese in der Tat kaum verstehen können, ist es in diesem Fall eigentlich relativ einfach: Es gibt zu wenig Wohnraum bei einer gleichzeitig stark wachsenden Bevölkerung in den Ballungszentren, was zu steigenden Mieten führt. In der Theorie sollte dies nun auch zu steigendem Interesse von Investoren führen, weiteren Wohnraum zu schaffen. In der Realität sieht es ein bisschen anders aus.

Zwar haben Nullzinsen und Eurokrise auf der einen Seite zu enormer Nachfrage nach Betongold geführt, diverse staatliche Eingriffe wie die Mietpreisbremse oder neue Bauvorschriften haben jedoch die Neubauaktivität eher gebremst statt entfacht. Mit dem Ergebnis, dass zwar die Mieten zugelegt haben, die gleichzeitige Explosion der Kaufpreise jedoch dafür sorgt, dass auch Immobilienbesitzer jammern – über viel zu geringe Mietrenditen! Ob Habeck solche Investoren durch seine Forderung zusätzlich verschreckt ist eigentlich lediglich eine rhetorische Frage. Mit seinen Enteignungsplänen würde per se keine einzige neue Wohnung geschaffen, stattdessen aber auf jeden Fall der eine oder andere Neubau verhindert. Über derartiges ökonomisches Analphabetentum haben wir uns bereits im Loch in der Matrix in der letzten Woche ausgelassen. Auch ohne Volkswirtschaftsstudium dürften die Berliner möglicherweise zu demselben Fazit kommen wie Dr. Markus Krall, der gestern dazu twitterte: „Wer in Berlin jetzt Wohnungen enteignen will, sollte sich eine einfache Frage stellen: Sollen die gleichen Leute, die für den Flughafen BER zuständig sind, jetzt auch für meine Wohnung zuständig sein?“

 

Ray Dalios Plädoyer für die Mitte

Zwar entlädt sich der Unmut der Berliner aktuell vor allem zum Thema „Mietwahnsinn“. Im Kern geht es jedoch um Ungleichheit und das Gefühl des Abgehängtseins der breiten Masse. Genau dieses Thema treibt im Moment auch die Hedgefonds-Legende Ray Dalio um, der den Kapitalismus an sich in Gefahr sieht. Nach seiner Analyse ist das größte gesellschaftliche Problem unserer Zeit der nicht mehr existente „American Dream“. Dies sei gefährlich, weil es das Risiko für eine Revolution erhöhe. Mit jeder Menge Statistiken versucht er zu belegen, dass die Einkommens- und Vermögensschere heute so weit auseinander klaffe, dass ein wirklicher Aufstieg – im Unterschied zu seiner eigenen Jugend – heute nicht mehr möglich sei. Es geht jedoch um mehr als nur Geld: Auch der fehlende Zugang zu einer vernünftigen Bildung sei gerade in Zeiten wie den heutigen politischer Sprengstoff. Interessanterweise gibt Dalio dafür jedoch niemandem die Schuld. Die Verhältnisse seien weder auf böse reiche Menschen zurückzuführen, die schlechte Dinge mit armen Menschen machen, noch auf faule, arme Menschen und bürokratische Ineffizienzen. Stattdessen würden alle guten Dinge ab einem gewissen Moment selbstzerstörerisch. Der Kapitalismus habe selbst verstärkende Schleifen gedreht und laufe nun Gefahr, sich selbst zu zerstören.

Soweit die Analyse, an der es wenig auszusetzen gibt. Die Dalio’sche Lösung des Problems ist ein Plädoyer für die Mitte – in Teilen jedoch auch ein Flirt mit dem Dirigismus. Zu seinem Maßnahmenkatalog zählen richtige Elemente wie eine „Reorganisation des Systems“, Politiker, die stärker an den Ergebnissen ihres Handelns gemessen werden oder die stärkere Fokussierung von politischen Entscheidungen am „Return on Investment“ statt an sinnlosen Budgets. Politische Kräfte aller Lager sollen kooperieren um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Dalio fordert jedoch auch steuerliche Umverteilung, die in Dalios idealer Welt allerdings keine Wohlstandsverluste zu Folge hätte. Die Geldpolitik solle schließlich nicht nur den oberen Teil der Gesellschaft und deren Assets fördern, sondern auch die Produktivität der ärmeren Hälfte adressieren – in anderen Worten: „Helikopter-Geld“. Mit diesen Aussagen macht es sich Dalio denkbar einfach. Er glaubt zu wissen, wie man intelligent umverteilen könne, um das Vertrauen der Menschen in das System zurückgewinnen zu können. Lösungen, wie die von Dalio, mögen im ökonomischen Labor bei seinem Hedgefonds Bridgewater einleuchtend erscheinen, den Realitätscheck haben sie jedoch noch lange nicht bestanden.

 

Fortsetzung folgt – Teil X

Heute kommen die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten zu einem Sondergipfel zusammen. Thema wird wieder einmal der Brexit sein. Genauer gesagt geht es um eine Fristverlängerung für den britischen Austrittswunsch. Es gilt im Vorfeld als sicher, dass den Briten eine weitere Verlängerung gewährt wird. Ansonsten wäre nämlich diesen Freitag Schluss mit der EU-Mitgliedschaft des nur leidlich Vereinigten Königreichs. Den No-Deal-Brexit fürchtet man vor allem auch in Brüssel, teils mehr als in London. Aber selbst um eine Verschiebung gibt es Streit. Während die britische Regierung lediglich eine kurze Verlängerung bis 30. Juni anstrebt, nicht zuletzt um den Druck aufrechtzuerhalten, wollen die verbleibenden EU-Staaten eine längere Frist anbieten. Was wie ein Geschenk aussieht, ist keines. Denn bei diesem Spiel auf Zeit wird es wahrscheinlicher, dass die Briten letztlich doch noch ganz von ihrem Vorhaben ablassen. Pikant sind die Details einer Verlängerung: Denn offenbar besteht die EU darauf, dass die Briten bei der Europawahl ebenfalls zur Urne gerufen werden, während sie andererseits bei entscheidenden Weichenstellungen wie der Wahl des neuen Kommissionspräsidenten dann nicht mehr mitstimmen sollen.

 

An ihren Taten …

Nach wie vor ist nicht vollkommen geklärt, wer oder was den Kurssprung beim Bitcoin in der Vorwoche ausgelöst hatte. Häufig zitiert wird Oliver von Landsberg-Sadie, Chief Executive of Cryptocurrency bei der BCB Group: „Es gab einen einzigen Auftrag, der algorithmisch über diese drei Standorte hinweg verwaltet wurde, in Höhe von etwa 20.000 BTC. … Wenn man sich die Volumina an jeder dieser drei Börsen ansieht, gab es konzertierte, synchronisierte Volumeneinheiten von rund 7.000 BTC in einer Stunde.“ Aus der algorithmischen Aufteilung der Order wurde mancherorts geschlossen, dass diese Order auch durch einen Algorithmus ausgelöst wurde. Das ist bei einem seltenen Ereignis dieser Größenordnung schwer vorstellbar. Wahrscheinlicher ist da schon, dass ein Mensch hinter der eigentlichen Kaufentscheidung steckte. Bei der Motivforschung muss man fast neutestamentarisch werden: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“ Und da dürfte es sich tatsächlich um den Versuch einer Initialzündung für den seit Monaten dahindämmernden Bitcoin-Kurs gehandelt haben. Interessewahrend war diese Order, wie in der Vorwoche beschrieben, jedenfalls nicht. Ob nun konkret der kolportierte ominöse Russe oder einer der sogenannten Bitcoin-„Wale“ dahinter steckte, ist aber letztlich auch gar nicht entscheidend.

Spüren Sie FOMO?

Entscheidend ist, dass hier vergleichsweise großes Geld in die Hand genommen wurde. Entscheidend ist ferner, dass der Kurs nach dem 20%-Sprung nicht wieder in sich zusammengebrochen ist. Schon macht FOMO die Runde – das ist die „Fear of Missing out“, also die Angst davor, beim nächsten großen Kursaufschwung nicht dabei zu sein. Mission erfüllt. Denn wie solche Kursaufschwünge aussehen können, ist vielen noch in bester Erinnerung und entsprechend bedarf es nur weniger zusätzlicher Geschichten, um die Phantasie erneut anzufachen. Eine dieser Geschichten ist das nächste „Halving“ beim Bitcoin-Mining, das im Mai 2020 – also in mehr als einem Jahr – ansteht, und angeblich bereits heute Auswirkungen auf die Kursbildung haben soll. Auch das ist eine Form von FOMO. Bei einem solchen Halving wird nämlich die Belohnung für die Bitcoin-Miner, die diese in Form von frischen Bitcoins erhalten, wieder einmal halbiert. Das wird fälschlicherweise so dargestellt, als werde sich das Bitcoin-Angebot ab diesem Termin halbieren. Tatsächlich wird sich lediglich das zusätzliche(!) Angebot durch das Mining halbieren. Das fällt aber im Vergleich zu den bereits vorhandenen, rund 17,6 Millionen Bitcoins ohnehin immer weniger ins Gewicht. Das Halving im Jahr 2020 entpuppt sich bei genauerem Hinsehen also als ein ziemlich lächerliches Scheinargument mit starkem Marketing-Charakter.

„Innere“ Werte

Funktionieren kann es trotzdem, denn, wie ebenfalls in der Vorwoche an dieser Stelle beschrieben, werden Kryptos praktisch alleine aufgrund von Markttechnik und Meinung gehandelt, wobei es zwischen beiden Bereichen erhebliche Rückkopplungen gibt. Nun – also nach dem Kurssprung – tauchen tatsächlich schon wieder Analysten auf, die sich allen Ernstes nicht entblöden, dem Bitcoin einen inneren Wert von 6.500 USD, 8.000 USD oder irgendeine andere x-beliebige Zahl zuzuschreiben. Auch das ist Marketing, denn diese Werte liegen auf geradezu wundersame Weise oberhalb des aktuellen Preises. Kurse machen Nachrichten, Meinungen und in besonderem Maße Analysen. Und auch Technische Analysten sehen nun frisches Momentum und spüren, wie all die anderen, die Wirkung von FOMO. Dennoch kann man hier durchaus mit begrenzten Mitteln und mit der nötigen inneren Distanz gegenüber Geschichten und Geschichtenerzählern ein spekulatives Engagement wagen. Wie man das auch ohne Zugang zu einer Krypto-Börse umsetzt, erklären wir in unserer Rubrik Musterdepot.

 

Zu den Märkten

Eine interessante Konstellation ergibt sich derzeit beim DAX. Zwar konnte die wichtige Widerstandszone im Bereich von 11.800 bis 12.000 Punkten komplett durchschritten werden, unmittelbar danach ging dem deutschen Leitindex aber erst einmal die Luft aus (vgl. Abb., rote Markierung). Es ist nicht so ungewöhnlich, dass Märkte bestimmte Marken „sehen“ wollen und ihnen dann, nach dem Erreichen dieser Marken, erst einmal die Orientierung verloren geht. Dieser Effekt ist umso wahrscheinlicher, je übergekaufter der Zustand in dem Moment ist, wo das Ziel angelaufen wird. In diesem Fall legte der DAX im Vorfeld einen eindrucksvollen Spurt hin, um dann an Schubkraft zu verlieren. Und gerade weil wir unter diesen Voraussetzungen kurzfristig über die 12.000er gesprungen sind, ist hierin auch nicht das klassische Fehlsignal zu sehen. Die plausibelste Interpretation ist für uns, dass nun erst einmal der übergekaufte Zustand abgebaut wird. Dann könnte es durchaus zu einem weiteren Durchbruchsversuch über die umkämpfte 12.000er Marke kommen.

 

Fazit

So real die Probleme sind, die Ray Dalio in seinem neuen Artikel benennt, so utopisch sind einige seiner Lösungsansätze.

© Christoph Karl, Ralph Malisch

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