Bankismus: Sieben Jahre falsch gespielt

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Von Nomi Prins

Die zunehmende Volatilität könnte zu „extremen“ Markteinbrüchen führen.

Der Bankismus – also die finanzielle Unterstützung absichtlich oder unabsichtlich in die Pleite geschlitterter Megabanken auf aller Welt durch Regierungen oder Zentralbanken – hatte seinen bisherigen Höhepunkt dieses Jahr in Griechenland.(Bild:Flickr CC, DonkeyHotey)

Am 5. Juli sagte die griechische Bevölkerung nämlich „Nein!“ zu den Bedingungen der Troika, die ihrem Land katastrophale Sparmaßnahmen auferlegen wollte. Damit sollten die Forderungen der Großbanken nach Rückzahlung der „Rettungsschirm“-Unsummen erfüllt werden – statt dem Volk das Recht zu geben, selbst über sein wirtschaftliches Schicksal zu bestimmen. 

Seit dem Beginn der Finanzkrise 2007/2008 haben das amerikanische Justizministerium und andere Regulierungsbehörden weltweit etwa 130 Milliarden US-Dollar Strafgelder aus Vergleichsvereinbarungen mit großen internationalen Banken eingetrieben. Der weitaus größte Teil der mit diesen Strafzahlungen in Zusammenhang stehenden Vergehen oder auch nur negativen Geschäftsgebaren ist dabei den sechs größten US-Banken (JP Morgan Chase, Bank of America, Citigroup, Wells Fargo, Goldman Sachs und Morgan Stanley) zuzuschreiben. 

Aber das war noch längst nicht alles

Wie das US-Justizministerium im Mai 2015 bekanntgab, waren fünf internationale Banken (Citigroup, JP Morgan Chase, UBS, The Royal Bank of Scotland und Barclays) bereit, sich in den gegen sie geführten Prozessen schuldig zu bekennen und mehr als 5,6 Milliarden Dollar an diversen Bußgeldern und Verwaltungsstrafen zu zahlen, weil sie jahrelang die Devisenmärkte manipuliert hatten. 

Die Schweizer Großbank UBS musste als Wiederholungstäter eine höhere Strafe begleichen, doch auch der Rest des „Kartells“, wie sich die betroffenen Banken selbst nennen, hat sich wiederholter Vergehen schuldig gemacht. Begehen normale Bürger wieder- holt eine Straftat, müssen sie ins Gefängnis. In der Welt des Bankismus dagegen werden die Finanzgiganten maximal dazu verurteilt, sich zu entschuldigen, brav ihre Strafen zu bezahlen und Besserung zu versprechen – bevor sie weitermachen wie bisher, natürlich mit dem aus PR-Gründen obligatorischen Klaps auf die Finger. 

Am längsten – von Dezember 2007 bis Januar 2013 – wurden die Devisenmärkte von Citigroup manipuliert. Die Bank stimmte einer Geldstrafe in der Höhe von 925 Millionen Dollar sowie einer Zentralbank- Bußgeldzahlung von 342 Millionen Dollar zu. JP Morgan Chase musste für drei Jahre Fremdwährungs - Manipulation 550 Millionen Dollar Strafe zahlen. 

DIE VOLATILITÄT NIMMT ZU 

Zusammen mit den 4,3 Milliarden Dollar Strafen für Devisenmarkt-Manipulationen vom November 2014 beträgt die Gesamtsumme an Straf- und Bußgeldern, die das Kartell rein für Fremdwährungs - Manipulation gezahlt hat, 10 Milliarden Dollar. Etwa gleichzeitig mit der Bekannthabe der Strafzahlungen bewilligten die Aktionäre der Bank das Jahresgehalt für Jamie Dimon, den CEO von JP Morgan Chase, in der Höhe von 20 Millionen Dollar. 

Und das ist immer noch nicht alles: Die Europäische Union etwa überlegt eine neuerliche kartell- rechtliche Untersuchung gegen 13 Megabanken. Diese sollen während der Finanzkrise konspirativ die Börsen vom Handel mit Kreditderivaten für Ausfallrisiken ausgeschlossen haben. Unter den beschuldigten Banken sind Goldman Sachs, Bank of America, Deutsche Bank, JP Morgan Chase, Citigroup und HSBC Holding. 

Seit nunmehr sieben Jahren werden Banken und Märkte von Regierungen und Zentralbanken gestützt. Betrachtet man die damit verbundenen Trends, so hat dieser Kuschelkurs den zusätzlichen negativen Nebeneffekt einer steigenden Volatilität, da die Künstlichkeit dieser Konstrukte immer deutlicher zutage tritt. 

Die vier Faktoren der Volatilität sind schon für sich genommen ein Grund zur Besorgnis – doch wenn sie gemeinsam auftreten, können sie für enorme Schäden auf den Finanzmärkten der Welt sorgen. Diese Faktoren sind: 

• Verunsicherung über die Aussagen der Zentralbanken (besonders im Hinblick auf mögliche Erhöhungen des Leitzinssatzes, die die von den Banken so geschätzte billige Liquidität etwas weniger billig machen würde); 

• das Kreditausfallrisiko für Individualkredite wie Kreditkarten, Subprime-Autokredite, Studiendarlehen oder Hypotheken, die kurz nach der Krise vergeben wurden und deren Rückzahlung nun ansteht; 

• geopolitische Spannungen im Zusammenhang mit Griechenland, der Ukraine, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Lateinamerika; und 

• die fortgesetzten kriminellen Aktivitäten der Finanzindustrie, die mehr oder weniger ungestraft bleiben und absolut keiner Reform unterzogen wurden. 

Das Unterstützungsprogramm für Elite-Banken läuft schon viel zu lange – und dennoch erwarten wir für Mitte 2016 (wenn das Anleihen-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank auslaufen soll) eine Phase mit massiven Markt- und Wirtschaftseinbrüchen. Unterdessen wird auch die Volatilität weiter steigen, nimmt doch auch die Angst zu, dass die Banken ohne jegliche Unterstützung der Zentralbanken auskommen müssen.

KEIN ENDE IN SICHT 

Die Leiter der Zentralbanken wiederum zeigen sich panisch und ideenlos. Was auch immer sie sich selbst und der Welt darüber weismachen wollen, wie wichtig ihre Null-Prozent-Leitzinssätze oder ihre quantitative Lockerungspolitik seien – die Liquidität kann sich ebenso schnell in Luft auflösen, wie die Kreditmärkte von irgendwelchen negativen Einflüssen zum Erliegen gebracht werden können. Sie scheinen einfach nicht zu begreifen, dass selbst die zusätzlichen Reserven, die Banken für zukünftige Notfälle halten sollen, bei weitem nicht ausreichen werden, eine neuerliche katastrophale Verkettung unglücklicher Umstände zu verhindern. 

Die amerikanische Fed und die Europäische Zentralbank verfügen gemeinsam über den unglaublichen Betrag von sieben Billionen Dollar an Schuldtiteln – Staatsanleihen und anderen besicherten Anleihen, von denen die meisten durch die Banken entweder wiederverwertet werden oder ihnen Zinsen einbringen. Allerdings hat auch das weder die Weltwirtschaft wieder angekurbelt noch die Banken dazu gebracht, ihrerseits die Reserven für die Vergabe von mehr Krediten an die Realwirtschaft freizugeben oder aber den bestehenden Kreditnehmern – ob Einzelpersonen oder Staaten – bei der Umschuldung zu günstigeren Konditionen zu helfen. Das Geld wird einfach gehortet. 

Christine Lagarde, geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat Janet Yellen (die Präsidenten der US-Zentralbank) davor gewarnt, dass eine voreilige Erhöhung des Leitzinssatzes ein veritables Chaos verursachen könnte. Doch der IWF hat als Lösung für die nicht funktionieren- den quantitativen Lockerungsmaßnahmen nur noch mehr quantitative Lockerung parat ... 

Dabei sind solche Maßnahmen keineswegs eine Lösung, sondern nur eine Ausweichstrategie des Bankismus, um den dringend notwendigen Reformen auf dem Bankensektor zu entkommen, die mittelfristig zu einer Verbesserung, zumindest aber zu einer Stabilisierung der Situation führen würden. Ganz im Gegenteil fördert die quantitative Lockerung sogar weitere Probleme, sei es eine Anleihenblase oder die Tatsache, dass Pensions- oder Lebensversicherungsfonds sich heute nicht auf risikoärmere, langfristige Anleihen stützen können, die genug Zinsen bringen, um später die Verbindlichkeiten auch auszahlen zu können. 

Der im Juni veröffentlichte Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigt, wie groß die Besorgnis der globalen Bankenaufsichtsbehörden mittlerweile ist. Darin ist die Rede von „Zinsen, die weltweit über einen außergewöhnlich langen Zeitraum außerordentlich niedrig waren, sowohl nominell als auch inflationsbereinigt, im Vergleich zu allen bekannten Richtwerten. Diese extrem niedrigen Zinsen sind ein eindeutiges Zeichen für ein weitreichenderes Problem der Weltwirtschaft.“ 

Besonders erschreckend ist diese Aussage, wenn man bedenkt, dass sie von der Zentralbank der Zentralbanken kommt. Zusätzlich traf die BIZ noch die Aussage, dass „die globalen Finanzmärkte auch weiterhin von den Zentralbanken abhängig bleiben“. „Abhängig“ ist ein starkes Wort – und zeigt, wie schnell die Idee vom Kapitalismus des freien Marktes zugunsten des Bankismus auf den Kopf gestellt worden ist. 

Die Elite-Zentralbanken und die Regierungen, die sie unterstützen, wollen die Bankismus-Party um jeden Preis weiter am Laufen halten. Sie haben nach sieben Jahre der Destabilisierung noch keinen Alternativplan entwickelt, mit dem das empfindliche Gleichgewicht der Weltwirtschaft aufrechterhalten werden könnte. Griechenland etwa musste seine Banken schließen, um den Kapitalabfluss zu drosseln (oder eine Enteignung der Sparer durchführen zu können). Staaten wie Puerto Rico sehen sich ebenso wie zahlreiche US-Bundesstaaten und -Kommunen mit einer schwer angeschlagenen Wirtschaft konfrontiert. 

Betrachtet man diese Entwicklungen, muss unweigerlich die Angst davor zunehmen, dass die jahrelange und immer intensiver durchgeführte Manipulation der Märkte letztendlich doch ihren Preis haben wird. 

Der Artikel erschien in der September 2015 Ausgabe des The Trends Journal

 

Hinweis:

 

In diesen Tagen findet mit Gerald Celente, Gastreferenten, Analysten des Trends Research Institute und aus aller Welt kommenden Abonnenten des Trends Journal eine spezielle dreitägige Konferenz in Kingston, New York statt, die dem Frieden gewidmet ist – und ihren Höhepunkt in der Vorstellung der Occupy Peace-Initiative unseres Instituts haben wird. Die Konferenz zum Thema „Frieden und Wohlstand“ wird sich mit der Dynamik und den Ursachen von Amerikas andauerndem Kriegszustand – der auch in weiten Teilen der Welt herrscht – befassen. In Referaten, Podiumsdiskussionen und Fragestunden werden wir den Konferenzbesuchern darlegen, wie Wohlstand, Lebensqualität, Kreativität und wirtschaftliche Chancen mit dem Krieg zusammenhängen und durch ihn negativ beeinflusst werden. 

Auf der Konferenz wird auch von der Propagandamaschinerie die Rede sein, die uns den Krieg verkauft. Wir werden darüber sprechen, wie die Machenschaften der Presse-, Fernseh- und Radio-Meinungsmacher in unserer Ära der gleichgeschalteten Medienkonglomerate noch leichter über die Bühne gehen – und wie „gut“ in dieser Hinsicht auch digital verbreitete Informationen, auf bestimmte Publikumsschichten abzielende Informationen und Fehlinformationen funktionieren. 

Wie Mark Twain bereits 1916 schrieb: „Als nächstes denken sich die Staatsmänner billige Lügen aus, mit denen sie die Schuld dem angegriffenen Volk zuschieben, und jedermann ist froh über diese Verdrehungen, die das Gewissen beschwichtigen, und studiert sie fleißig und weigert sich, auch nur zu prüfen, was sie widerlegen könnte; und so redet man sich nach und nach selber ein, der Krieg sei gerecht, und dankt Gott für den ruhigeren Schlaf, dessen man sich nach diesem Vorgang grotesker Selbsttäuschung erfreut.“ 

Schon vor einem Jahr schrieben wir im Trends Journal: „Die Mächtigen kontrollieren heute wie damals, was an die Öffentlichkeit gelangt. Es waren stets einige wenige, die darüber entschieden, welche Darstellungen, Beschreibungen, Bilder und Videos vom Krieg und seinen Auswirkungen (auch auf die menschliche Psyche) wir zu sehen bekommen.“ Auf der Konferenz über Frieden und Wohlstand werden wir Ihnen auch zeigen, wie man sich – jenseits von Wohlfühl-Slogans und leeren Parolen – für den Frieden einsetzen kann. Schließlich wollen wir alle gemeinsam den Weg zum Frieden gehen. 

„Die Konferenz soll für alle Teilnehmer eine Übung in Selbstverantwortung und Selbstbestimmung sein“, sagt Derek Osonenko, Geschäftsführer des Instituts. „Dadurch, dass sich diese Diskussionen in der äußerst geschichtsträchtigen Umgebung der Altstadt von Kingston abspielen, lenken wir unsere Aufmerksamkeit gemeinsam auf die amerikanischen Gründerväter und deren Ideen.“ 

Die Konferenz über Frieden und Wohlstand beginnt am Donnerstag, den 17. September mit einem Abendempfang. Am Freitag und Samstag gibt es jeweils ein volles Programm mit Referaten und Podiumsdiskussionen; am Abend des Samstag beendet ein Abschlussdinner die Veranstaltung. Und natürlich sind alle Gäste herzlichst eingeladen, auch an der Occupy Peace-Demo am Sonntag den 20. September teilzunehmen.

Weitere Informationen unter: www.occupypeace.us

Die deutsche Übersetzung dieses Artikels von Nomi Prins  und zur Konferenz in Kingston N.Y. wurde der Metallwoche durch die Trendmatters GmbH exklusiv zur Veröffentlichung freigegeben.

Die vollständige deutschsprachige September -Ausgabe des Trend Journal erhalten Sie über die TrendMatters GmbH mit Sitz in Berlin.

TrendMatters arbeitet in Kooperation mit dem Trend Research Institut, welches1980 von Gerald Celente in Kingston, New York gegründet wurde. In seinen mehr als 30 Jahren des Bestehens hat sich das Institut die Reputation als eines der global führenden Trendforschungsinstitute erarbeitet, das die entscheidenden Trends identifiziert und mit großer Präzision den Trendverlauf prognostiziert.

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Bank-Bilder, Flickr CC

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