Betreutes Investieren - Nach dem Kursrausch

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vom Smart Investor

Cannabis-Aktien zählten in den vergangenen Jahren mit zum Lukrativsten, was der Kurszettel zu bieten hatte. Die Kursentwicklung berauschte die Anleger fast noch mehr als der Stoff selbst. Hintergrund war die schrittweise Freigabe von Cannabis in etlichen US-Bundesstaaten, sowie der kanadische Parlamentsbeschluss der Vorwoche zu einer vollständigen Freigabe, auch für Zwecke der Freizeitgestaltung. Für Anleger war dies ein klassisches „Buy the rumour, sell the fact“-Szenario. Denn nach dem Beschluss war die Luft aus den ohnehin absurd hoch bewerteten Papieren erst einmal raus. Vom Grundsatz her war die Entkriminalisierung ein logischer Schritt: Die Stigmatisierung von Cannabis erscheint vor dem Hintergrund des Umgangs mit „legalen“ Rauschmitteln schon als ein Akt besonderer Heuchelei und Scheinheiligkeit. So rechnet die Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit mit mehr als 3.000.000 Alkoholtoten bzw. rund 6.000.000 Tabaktoten – und zwar jährlich! Diese nehmen die meisten Staaten jedoch billigend in Kauf und kassieren kalt lächelnd die exorbitanten Steuern auf die entsprechenden Suchtmittel. Obwohl uns diese Steuern gerne als erzieherische Maßnahme im Rahmen staatlicher Fürsorge für die Gesundheit der Bevölkerung verkauft werden, steckt dahinter auch ein starkes fiskalisches Motiv. Bei den gestaffelten Tabaksteuererhöhungen wird nämlich sehr genau darauf geachtet, sie so zu bemessen, dass die Nachfrage nach Tabakprodukten nicht(!) abreißt.

 

Hort der Moral

Apropos Heuchelei: Das kleine Luxemburg wurde in den letzten Jahren international auffällig, als ruchbar wurde, dass unter dessen langjährigem Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker, dem heutigen Chef der EU-Kommission, ein ausgeklügeltes Steuersparsystem zu Lasten der europäischen Partnerländer installiert und betrieben wurde. Nun machte die Luxemburger Börsenaufsicht CSSF mit einem Verbot des Handels von Cannabis-Aktien von sich reden. Betroffen sind insgesamt 145 Aktien, die überwiegend aus Kanada und den USA stammen. Diese führen nicht etwa illegale Drogen in das Land ein, sondern betreiben – vorzugsweise in Nordamerika – ihre Geschäfte, soweit man das von außen beurteilen kann, nicht weniger legal als eine x-beliebige Luxemburger Bank oder ein deutscher Autohersteller. Dabei geht es um Finanzierung, Produktion und den Handel mit Cannabis-Produkten. Darunter befinden sich sogar einige lupenreine Medizinunternehmen, denn in der Schmerztherapie ist der Stoff mittlerweile anerkannt. Nun könnte man denken, dass das Diktum der Luxemburger Behörde weder die betroffenen Unternehmen, noch deutsche Anleger sonderlich zu interessieren bräuchte. Dem ist aber nicht so. Denn die weit überwiegende Zahl der in Deutschland gehandelten Auslandsaktien wird von einer Tochter der Deutschen Börse AG, der Clearstream International S.A. verwaltet – und die lagert die Wertpapiere in, richtig, Luxemburg. Als Folge der Entscheidung, kündigte die Börse an, den Handel in den betroffenen Aktien mit Ablauf des 24. September 2018 einzustellen.

 

Kein Entscheidungsspielraum?

Schicksalsergeben lässt eine Sprecherin der deutschen Börse die Anleger wissen: „Wenn der zuständige Regulator das so vorgibt, haben wir als Deutsche Börse keinen Entscheidungsspielraum.“ Ist das so? Kundenorientierung geht jedenfalls anders. Wer zwingt die Deutsche Börse denn eigentlich, das Verwahrgeschäft – nicht nur für Cannabis-Aktien – auch künftig in einem derart unfreundlichen regulatorischen Umfeld zu betreiben? Vielleicht werden dort als nächstes auch Brauereien oder Kohleminen als illegal eingestuft? Anleger, die auch künftig in diesem Segment mitspielen wollen, werden wohl nicht lange zögern, ihre Geschäfte, künftig bei leistungsfähigen Brokern direkt über New York und Toronto abzuwickeln. Und wer erst einmal in den Genuss hochliquider Märkte außerhalb von EU-Bankenunion und schwächelndem Euro gekommen ist, dürfte Clearstream kaum eine Träne nachweinen.

 

Widerstand aus Milwaukee

Wie sich Unternehmen gegen Übergriffe aus Politik und Verwaltung zur Wehr setzen, demonstriert dagegen Harley-Davidson. Die Kultmarke aus Milwaukee war unversehens zwischen die Fronten des Handelskonflikts geraten. War man zunächst schon von der Einführung der US-Importzölle auf Stahl negativ betroffen, so wurde man nun auch noch ein Opfer der Vergeltungsmaßnahmen in Form von Strafzöllen der EU auf die dort verkauften Motorräder. Nun hätte man auch dort die Strafzölle als gottgegeben akzeptieren können („Wenn die zuständige EU das so vorgibt, haben wir als Harley Davidson keinen Entscheidungsspielraum.“). Aber in Milwaukee ist man offensichtlich aus einem anderem Holz geschnitzt und suchte nach Alternativen: Eine davon besteht darin, den europäischen Markt künftig nicht mehr aus den USA, sondern aus anderen Regionen zu bedienen. Für ein Unternehmen, das den „amerikanischen Traum“ von Freiheit und Abenteuer wie kein zweites verkörpert, ist es allerdings nicht ohne Risiko, wenn sichtbar Maschinen „Made in Thailand“ oder „Made in India“ angeboten werden. Tatsächlich produziert man dort schon heute. US-Präsident Trump ärgerte sich jedenfalls maßlos über die Ausweichreaktion, und schreckte nicht davor zurück, das Unternehmen als unpatriotisch zu geißeln. In Milwaukee wiegt so etwas besonders schwer.

 

Der Dumme ist immer der Kunde

Die ganze Episode zeigt allerdings noch etwas anderes: Leidtragende des Zwists sind letztlich die Verbraucher, während sich die Staatskassen aufgrund der Zölle temporär sogar stärker füllen könnten. Wie gesagt, temporär. Letztlich werden die Handelsströme aufgrund exzessiver Zölle aber zurückgehen, so dass es am Ende wirklich nur Verlierer geben wird. Da alle Konfliktpartner das wissen (sollten), sind die jetzt verhängten Strafzölle wohl kein Dauerzustand, sondern lediglich Warnschüsse innerhalb eines laufenden Verhandlungsprozesses. Unter anderem über den Handelskonflikt hat sich auch unser Gesprächspartner, die Schweizer Vermögensverwalterlegende Felix Zulauf, Gedanken gemacht. Das Interview finden Sie im neuen Smart Investor 7/2018, der zum Wochenende erscheint. Dazu finden Sie umfangreiche Analysen zu deutschen, europäischen und internationalen Value-Aktien, Berichte von spannenden Konferenzen und vieles mehr.

Verschnaufpause

Für den DAX genügten solche Warnschüsse in den letzten Tagen allerdings bereits, um ihn weiter nach unten zu bringen. Schließlich ist Deutschland als langjähriger Export- bzw. Vize-Export-Weltmeister wie kaum ein anderes Land in den internationalen Handel eingebunden. Dazu kommen Sonderthemen, wie der Druck auf die deutsche Autoindustrie oder die anhaltende Schwäche der Deutschen Bank. So gesehen war es alles andere als selbstverständlich, dass der Markt heute erst einmal auf dem seit Februar 2016 gültigen Aufwärtstrend nach oben drehte (vgl. Abb., obere grüne Linie). Die Bewegung ist bislang allerdings nur Reflex auf die vorangegangenen Verluste und läuft unter dem Titel „Short Covering“. Das kann durchaus noch ein paar Tage weitergehen. Der nächste Widerstandsbereich findet sich im Bereich von 12.600 Punkten (schwarze Linie), Unterstützung bieten die beiden, eng beieinander liegenden grünen Aufwärtstrendlinien. In dem dadurch abgesteckten Bereich kann sich der DAX nun durchaus einige Tage aufhalten, ohne dass dies die negative Ausgangslage korrigieren würde. Denn der Index befindet sich weiter in einer möglichen übergeordneten Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation, wobei sich innerhalb der rechten Schulter zusätzlich ein negatives Doppeltop herausgebildet hat, dessen Mindestkursziel bereits erreicht wurde.

 

Fazit

Freuen Sie sich auf den neuen Smart Investor. Am Wochenende ist es soweit.

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

Hinweis: Meinungen oder Empfehlungen geben die Einschätzung des jeweiligen Verfassers oder Interviewpartners wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung der „Metallwoche“ oder deren Betreiber dar. Der vertretene Standpunkt spiegelt nicht die Meinung des Website-Betreibers und stellt keinerlei Aufforderung zum Kauf-/Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Anlagemöglichkeiten dar. Beachten Sie bitte auch unseren Disclaimer! 

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