Das hat gesessen! Turbulenzen und unübersehbare Schwächeanzeichen an den Aktienmärkten

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vom Smart Investor

Unter Aktienanlegern hat sich eine ganz eigene Saisonalität herausgebildet. Hier gibt es nicht Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sondern „den schwierigen September“, die Jahresendrally, denn Januar-Effekt, den Mai, in dem man tunlichst verkaufen sollte und so weiter. All diese Kalendereffekte haben sich durch Beobachtung herausgeschält und sind statistisch mehr oder weniger gut belegt. Und damit fängt das Elend an... Denn eine Statistik ist eben nur eine Statistik über Vergangenes, nicht aber ein Fahrplan für die Zukunft. Das wusste auch der 2013 verstorbene US-Investor und Buchautor Martin Zweig, der wichtige Informationen über den Zustand eines Marktes vor allem durch den Vergleich der tatsächlichen Kursentwicklung mit der Saisonfigur gewann. Und damit sind wir mitten im Thema: Nach dem vergleichsweise gut überstandenen September (positiv) neigt der Markt ausgerechnet jetzt zur Schwäche, da sich viele Anleger bereits mental auf die „sichere“ Jahresendrally eingerichtete haben (negativ). Sicher ist nämlich gar nichts.

Abverkauf auch in den USA

Die europäischen Märkte sind schon seit vielen Monaten nicht mehr richtig vorangekommen und zum Teil bereits schon in der Baisse. Aber selbst die bis vor kurzem relativ starken Segmente wie der MDAX und insbesondere der TecDAX mussten in den letzten Tagen deutlich Federn lassen. Neu ist, dass nun auch die US-Aktienmärkte erstmals seit Februar 2018 wieder vergleichsweise höhere Abschläge hinnehmen mussten und nun an ihren Aufwärtstrends bzw. an wichtigen Unterstützungsniveaus kratzen. Zwar ist es richtig, dass die USA grundsätzlich ein wirtschaftsfreundlicheres Umfeld bieten als die meisten europäischen Länder. Ebenfalls ist richtig, dass die Trumpsche Steuerreform den US-Unternehmen noch einen ordentlichen zusätzlichen Rückenwind brachte. Da lassen sich selbst die Zinserhöhungen der Fed vergleichsweise gut abfedern. Allerdings erscheinen die US-Märkte unter dem Einfluss der positiven Rahmenbedingungen fast etwas entrückt. Denn US-Aktien, darauf weist die Fondsgesellschaft StarCapital in ihrem jüngsten Research Update hin, zählen zu den teuersten der Welt. Ein CAPE-Ratio (Cyclical Adapted Price Earnings) von 32,1 lässt dementsprechend für die Zukunft keine großen Renditeerwartungen mehr zu. Magere 2,7% p.a. sollen es nach dem StarCapital-Modell über die nächsten ein bis anderthalb Dekaden sein.


Wenn der Faden reißt

Obwohl US-Aktien also schon länger kein Schnäppchen mehr sind, konnten sie immerhin durch einen intakten Aufwärtstrend überzeugen. Würde der nachhaltig gebrochen, wird es mit Kaufargumenten tatsächlich erst einmal ziemlich schwierig. Global betrachtet ist der am „seidenen Faden“ hängende Aufwärtstrend nordamerikanischer Aktien eine Sondersituation. Das zeigt ein Blick auf den DJ Global Index (vgl. Abb.), der eine Gesamtschau aller Aktienmärkte liefert. Und dieser „Weltaktienindex“ konnte bislang nicht wieder an die Erfolgsgeschichte vor dem Februar 2018 anknüpfen. Der Einbruch konnte auch mehr als ein halbes Jahr danach bislang nur teilweise aufgeholt werden. Schlimmer noch, die ganze Bewegung seitdem hat einen Flaggencharakter (vgl. Abb., blaue Linien) und ist daher wohl nur eine Korrekturbewegung auf die vorangegangenen Verluste. Es fehlt einfach an überzeugender Aufwärtsdynamik. Sollte hier der Ausbruch nach unten erfolgen, dann wäre dies als trendbestätigend für eine weltweite Aktienbaisse anzusehen. Anlässe gibt es weiter genug, etwa in Form steigender US-Zinsen oder der Konflikte im Welthandel. Man sollte sich also, wie eingangs beschrieben, nicht blind auf die Saisonfigur verlassen, sondern sehr genau beobachten, wie sich die Märkte an den inzwischen erreichten Unterstützungen verhalten – zumindest dort, wo noch welche sind. In diesem Zusammenhang darf auch noch einmal auf die Gegensätzlichkeit der großen Zyklen zwischen Aktien und Gold verwiesen werden. Wir werden uns mit diesem Thema ausführlich in der kommenden Ausgabe des Smart Investor 11/2018 beschäftigen.

Ohne Bedingungen

Themenwechsel: Das sogenannte Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird von interessierter Seite mit großem Eifer in den Medien präsent gehalten. Als wir erstmalig davon hörten, hielten wir es für einen Scherz. Aber offenbar ist es einigen doch ziemlich ernst damit. Auch erhalten wir immer wieder Leserbriefe, in denen wir um unsere Einschätzung zum Thema gebeten werden. Tatsächlich haben wir unsere Ansichten schon einmal, im Smart Investor 9/2014 ab Seite 14 („Willkommen im Schlaraffenland“) dargelegt. Unser Urteil fiel negativ aus und wir hätten uns damals kaum vorstellen können, dass das BGE heute, also mehr als vier Jahre später, sogar eher mehr als weniger Anhänger haben wird. Schon die Lehre von Karl Marx zeigt, dass man die Wirkmächtigkeit von Ideen niemals unterschätzen sollte, besonders nicht die Wirkmächtigkeit schlechter Ideen. Inzwischen hat sich das Thema sogar bis in die politischen Parteien durchgefressen, wo es ernsthaft diskutiert wird. Das wiederum ist höchst relevant, weil die Idee über diesen Weg perspektivisch sogar Gesetzeskraft erlangen könnte, unabhängig von ihrer Güte. Vielleicht haben wir damals auch nur Entscheidendes übersehen? Zumindest ist es an der Zeit für ein Update und da bitten wir Sie, liebe Leser, um Ihre Mithilfe: Was sind Ihre wichtigsten Pro- und Contra-Argumente zum BGE? Schicken Sie uns gerne eine Mail mit dem Stichwort „BGE“ an flierl@smartinvestor.de und diskutieren Sie mit. Wir werden die Beiträge dann sichten und in einer der nächsten Smart-Investor-Ausgaben darüber berichten.

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

 

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