Der Marsch der Cryptos

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von Bankhaus Rott

Das digitale Geld ist seit der Schaffung des bitcoins langsam aber stetig auf dem Vormarsch. Trotz aller bekannten Schwächen wächst der Marktwert aller Cryptocurrencies weiterhin, wobei der Anteil des bitcoin am Gesamten langsam abnimmt…

Meistens hört man von bitcoins im Zusammenhang mit kollabierten Handelsplätzen oder Betrugsfällen, bei denen Nutzer Teile ihrer binären Chips abhanden kommen. Über die Möglichkeiten wird nach einem ersten Hype immer noch vergleichsweise wenig geschrieben. Angesichts der Erfolge und der Hartnäckigkeit mit der sich auch der bitcoin trotz aller Schwächen wacker schlägt ist das bemerkenswert.

Den Marktwert aller Cryptocurrencies zeigt der folgende Chart. Der Wert ist nach wie vor maßgeblich vom bitcoin beeinflusst, aber andere Systeme wie der Ether oder Ripple legen teils überproportional zu. Die Tabelle zeigt zur Einordnung den Marktwert der bitcoins und die Marktkapitalisierung einiger Technologiefirmen.

Ein Neuling unter vielen „Börsen“ für Cryptocurrencies heißt Gemini. Die bekannten umtriebigen Gebrüder Winklevoss haben wenig überraschend ihre Hände mit im Spiel. Sicherlich interessanter als das was manche Brüder hierzulande an „proven winners“ zusammenstellen (siehe: Keine Gnade für Raketenforscher aus dem Jahr 2014 und immer noch aktuell).

Ob diese „digital exchange“ erfolgreich sein wird, wird sich zeigen. Viele neuartige Plattformen testen in der Realität und entwickeln sich an vielen Menschen vorbei rasant weiter. Während man in manchen Regionen noch dem Bergbau hinterherweint oder glaubt auch 2030 würde sich noch jemand für einen 8-Zylinder Verbrennungsmotor interessieren, experimentieren schon tausende mit smart contracts und loten die Möglichkeiten aus. Auch alltagsnäheren aber deshalb nicht weniger wichtige Themen, wie die Fragen, wie sicher ein Wallet sein kann, wie praktikabel und sicher eine Cold Storage für normale Nutzer ist und wie man die Nutzung digitaler Währungen für alle vereinfachen kann widmen sich nicht mehr eine handvoll vermeintlicher Nerds (eine Bezeichnung, die ohnehin nicht mehr als Schimpfwort taugt).

Bankenseitig wird weniger über den Einsatz digitaler Zahlungsmittel gesprochen. Vielmehr möchte man die Blockchain, sprich das über ein Netzwerk verteilte System, zur Digitalisierung und Beschleunigung von Abwicklungsprozessen nutzen. Angesichts der teils IT-technisch oft in den späten 80ern steckengebliebenen Back- und Middle Office Prozesse vieler Banken ist der Wunsch nach Beschleunigung und Bereinigung nachvollziehbar.

Vor allem das Thema Beschleunigung ist von Bedeutung. Vielen Privatanlegern ist es nicht bewusst, wie und mit welcher Zeitverzögerung Settlements ablaufen. Die meisten denken, wenn sie den „Kaufen“-Button gedrückt haben ist das Geld bei der Gegenseite und die Anleihe im Depot. Ganz so einfach ist es nicht, denn die Anleihe ist erst nach zwei oder drei Tagen, je nach Region und Anleihe, im Depot. Bei illiquiden Papieren vergehen auch heute manchmal noch mehrere Woche bis ein Papier ankommt. Das kann passieren, wenn die Gegenseite ein Papier angeboten hat ohne es zu besitzen, es dann leerverkauft (short offer bzw. sale) hat und es selbst nicht schnell genug eindecken kann. Diese Praxis kann man kritisieren, man sollte jedoch beachten, dass es die Zentralbanken waren, die die Liquidität an den Bondmärkten verdampft haben. Ohne short offers löst sich ein großer Teil der restlichen Liquidität in Luft auf.

Problematisch ist nicht die lange Wartezeit sondern die offene Position innerhalb der Wartezeit. Geht die Gegenseite in der Zwischenzeit pleite dann kommt das Papier gar nicht mehr an. Das kann natürlich auch innerhalb von zwei Tagen passieren. Hier sei an einige Superhirne erinnert, die seinerzeit Repos mit einer isländischen Bank eingingen und als Sicherheiten die Papiere einer anderen isländischen Bank nutzten. Das Ende dieser Positionen kam schnell.

Beim Privatanleger kann man das gegebenenfalls noch unter „unschön“ verbuchen. Auf der Ebene des Handels zwischen den Banken kann das die ganze Pyramide zum Einsturz bringen. Abgesehen von diesen Risiken ist die Zeitspanne zwischen Geschäftsabschluss und Lieferung ein nicht mehr nachvollziehbarer Anachronismus. Immerhin scheinen hier in den letzten Jahren auch die Großinstitute aufzuwachen und beginnen sich bei der Transformation ihrer Abwicklungsprozesse vom Mittelalter in die Neuzeit schrittweise in Bewegung zu setzen. Allein mit dem Versprechen, in diesem Bereich „viel zu investieren“ ist es natürlich nicht getan. Genauso wenig wie aus einem zu groß gewordenen Hersteller von Autos mit Verbrennungsmotoren ein flexibler Zusammensteller von Elektroautos wird so wird auch aus einem Finanzdinosaurier nicht schnell eine flexiblere Spezies.

Jeder mit ein bisschen technischer Begabung kann seine eigene Cryptowährung erschaffen. Diese wird sich natürlich nur in den wenigsten Fällen durchsetzen, denn schlussendlich benötigt auch die intelligenteste Kreation Vertrauen und Akzeptanz. Dennoch eröffnet die Schaffung digitaler Währungen ohne staatliche Aufsicht und den entsprechenden bürokratischen Hürden viele Vorteile. Man sollte daher bei der aktuell raketenartigen Kurssteigerung des bitcoin Vorsicht walten lassen und seine Euphorie weniger auf die eine oder andere Währung allokieren sondern auf die Möglichkeiten der Technologie dahinter. Sie geht viel weiter als der eine oder andere Hype vermuten lässt. Wer weiß, vielleicht entdeckt ja der eine oder andere auf diesem Wege noch das Programmieren für sich. 

Der Artikel erschien zuerst auf rottmeyer.de

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