Der Oberförster und seine Bäumchen

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vom Smart Investor

Nicht wenige Value-Investoren haben sich den letzten Samstag im Februar fest in ihrem Kalender vorgemerkt. Für Fans von Warren Buffett ist dies wie Weihnachten und Ostern am selben Tag. Denn traditionell veröffentlicht das „Orakel von Omaha“ an diesem Wochenende den jährlichen Brief an seine Aktionäre sowie den Geschäftsbericht seiner Holding Berkshire Hathaway*. Am Montag stellte sich der Altmeister dann auch noch einem zweistündigen Fernsehinterview mit CNBC, indem er die interessantesten Fragen der Zuschauer beantwortete. Die volle Ladung Buffett innerhalb von wenigen Tagen! Angesichts eines vierten Quartals, in dem ein Verlust von 28,1 Mrd. USD auf das Aktienportfolio anfiel, lautet die Botschaft von Buffett: Vergesst die einzelnen Bäume – konzentriert euch auf den Wald. Und dass der „Berkshire-Wald“ auf fruchtbarem Boden wächst, steht außer Frage. Immerhin stiegen die operativen Erträge der Berkshire-Beteiligungen um 41% auf 24,8 Mrd. USD. Nach dem Verlustjahr 2017 trugen auch die zahlreichen Versicherungsbeteiligungen wieder mit üppigen Erträgen zum Ergebnis bei.

Nicht wirklich billig, aber auch nicht teuer

Was Buffett dagegen von den Schwankungen in seinem Aktienportfolio hält, brachte er im Interview klar zum Ausdruck: Ihm sei es deutlich lieber, dass beispielswiese Apple heute deutlich niedriger bewertet sei als noch vor einem halben Jahr. Zwar haben sich die Buchgewinne von Berkshire Hathaway auf diese 40 Mrd. USD Position deutlich reduziert, das Unternehmen kann nun jedoch mit seinen Aktienrückkäufen deutlich mehr Aktien vom Markt nehmen. Unter dem Strich hat Berkshire 2018 außerdem mehr Aktien gekauft als verkauft – netto haben Buffett, sein Kompagnon Munger und die beiden Investment-Manager Ted Weschler und Todd Combs 24 Mrd. USD in neuen Investments untergebracht. Zwar klagt der Star-Investor einmal mehr über die hohen Bewertungen für Unternehmensübernahmen, an der Börse scheint er dennoch immer wieder fündig zu werden. Selbstkritisch geht er dagegen mit dem Investment in Kraft Heinz um, das am letzten Freitag nach enttäuschenden Zahlen an einem Tag alleine 30% an Wert einbüßte. Nicht für den Ketchup-Hersteller Heinz, sehr wohl aber für die folgende Akquisition von Kraft habe Berkshire und deren Partner 3G Capital zu viel bezahlt. Auch operativ sei man einer Fehleinschätzung aufgesessen. Welche dies ist, können Sie in unserem Aktien-Update vom Montag nachlesen, in dem wir uns intensiver mit dem Ketchup-Desaster beschäftigt haben.

Rückenwind

Eines der wichtigsten Themen seines Briefes ist jedoch der Optimismus, den Buffett seinen Aktionären einmal mehr einimpfen möchte. Vor ziemlich exakt 77 Jahren, am 11. März 1942, kaufte die heutige Value-Legende seine allererste Aktie. Hätte er sein Geld – bescheidene 114,75 USD – in einem S&P 500 Index-Fonds gesteckt und dessen Erträge reinvestiert wären daraus aufgrund des enormen Rückenwindes der USA bis heute 606.811 USD geworden. In dieser Zeit gab es sieben republikanische und sieben demokratische Präsidenten, viele Phasen hoher Inflation, Zinsen von bis zu 21%, mehrere kostspielige Kriege und diverse Finanzkrisen. Allen Unkenrufen zum Trotz prosperiere das Land noch immer. Die Staatsverschuldung hätte gleichzeitig um den Faktor 400 zugelegt – entgegen der Prognosen diverser Untergangspropheten (ihn selbst mit eingeschlossen) sei der Kollaps jedoch stets ausgeblieben. Auf heute übertragen scheint dies wie eh und je zu gelten: An jeder Ecke lauern Gefahren, politischer wie ökonomischer Natur. Natürlich sollte man all dies nicht ausblenden. Dabei darf jedoch das große Ganze nicht aus den Augen verloren werden. Auf CNBC liefert Buffett dazu eine klare Einordnung: Blieben die Zinsen in den USA über viele Jahrzehnte auf dem heutigen Niveau, seien Aktien extrem günstig. Von einem solchen – mit Japan in den 90ern vergleichbaren Situation – scheint Buffett auszugehen. Er lauert daher weiterhin auf Schnäppchenkurse, während er gleichzeitig mit einem großen Teil seines Portfolios investiert bleibt.

Spiel auf Zeit

Es scheint, als würde die Taktik der EU gegenüber Großbritannien nun doch aufgehen. Die Briten sind nicht die ersten, die sich in der kafkaesken Brüsseler Bürokratie restlos verlaufen haben. Dieser höchst eindrucksvolle, von den Briten selbst mitfinanzierte Apparat, arbeitet im Zuge des Brexit nun gegen sie. Der schieren Größe der Maschinerie haben die Inseleuropäer nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. In Brüssel kann man sich derzeit fast zurücklehnen und abwarten, wie in der britischen Innenpolitik immer neue Gräben aufreißen, oberflächlich festgefügte Lager erodieren und neue Allianzen entstehen. Auf kurze Sicht scheint die EU in diesem Prozess alle Trümpfe in der Hand zu halten und schaut dem, was da auf der britischen Insel geschieht, mit einer Grundhaltung entspannter Häme zu. Freunde verhalten sich anders, auch und gerade dann, wenn einer der ihren sich entschließt, eigene Wege zu gehen. Tatsächlich könnten sich die Verhältnisse auf mittlere und längere Sicht aber sogar umkehren: Denn die grundsätzlich marktwirtschaftlichere Orientierung der Briten ist ein Erfolgsmodell, das den Vergleich zu Zentralisierung und Planung nach Brüsseler oder Pariser Art perspektivisch in keiner Weise zu scheuen braucht. Die Belege für das Scheitern zentraler Planung sind so zahlreich, dass es die Briten sein dürften, die sich ein paar Jahre nach einem erfolgtem Brexit vergleichsweise entspannt geben können; dies zumindest dann, wenn sie ihre Volkswirtschaft konsequent auf den Markt, auf Unternehmergeist und auf niedrige Steuern ausrichten. Dann nämlich wäre es fast unausweichlich, dass Großbritannien selbst nach einer ruppigen Übergangsphase wieder aufblüht. Genau das aber scheint die eigentliche Horrorversion der Brüsseler Zentralisten sein: ein Gemeinwesen, dem es ohne die EU besser geht als mit ihr. Sagte da jemand Schweiz?! Dem Thema „Postsozialismus“, der nicht nur in der EU fröhliche Urständ‘ feiert, haben wir uns übrigens in der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 3/2019 gewidmet. Manchmal ist es einfach notwendig, etwas über den Tellerrand der aktuellen Entwicklungen hinauszublicken, um diese zu verstehen.

Nachdem bislang die Augen auf den 29. März und das „Wie?“ des Brexit gerichtet waren, haben nach der gestrigen Rede von Premierministerin Theresa May nun auch wieder die Fragen nach dem „Wann?“ und dem „Ob?“ neue Aktualität erhalten. Ursächlich für Mays Initiative war eine Absetzbewegung von Abgeordneten der Tories aber auch der Labour-Party. Im Kern ging es ihr wohl darum, einen für heute geplanten Antrag einzelner Abgeordneter zu unterlaufen, die einen „No Deal Brexit“ kategorisch ausschließen wollten. Der Fahrplan der britischen Premierministerin sieht nun drei weitere Abstimmungen vor: Bis zum 12. März soll noch einmal der mit der EU ausgehandelte Austrittsvertrag zur Abstimmung kommen. Die Chance, dass bis dahin der Backstop für Nordirland erfolgreich neuverhandelt ist, erscheint gering. Ebenso unwahrscheinlich dürfte es sein, dass der Vertrag, der schon einmal durchgefallen ist, es nun, im zweiten Anlauf, in unveränderter Form durch das Unterhaus schafft. Wenn es aber keinen Vertrag gibt, wird May am 13. März über einen „No Deal Brexit“ abstimmen lassen. Das ist insofern neu, als damit eine Zustimmung des Unterhauses zur „No Deal“-Variante eingefordert wird, die von May bislang als Automatismus behandelt wurde. Sollte es zu keiner Zustimmung kommen, würde May am 14. März über die Bitte um einen dreimonatigen Aufschub bei der EU abstimmen lassen. Das zöge das Verfahren weiter in die Länge. In der Zwischenzeit hat Labour-Chef Corbyn ein weiteres Referendum über den Brexit angeregt. Corbyn selbst gilt übrigens als Brexit-Befürworter, was wiederum zeigt, wie unübersichtlich die Mehrheitsverhältnisse derzeit sind. Zwar ist der harte Brexit zum 29. März vermutlich erst einmal vom Tisch, die Hängepartie um den britischen EU-Austritt wird uns damit jedoch weiter begleiten. Je mehr das Momentum der Brexit-Bewegung verloren geht, desto wahrscheinlicher wird es aber, dass die ursprüngliche „Leave“-Entscheidung immer weiter verwässert wird. Aus deutscher Sicht wäre – da sind wir einmal ganz eigennützig – ein starkes Großbritannien innerhalb der EU ein Pluspunkt in Bezug auf die Machtsymmetrie innerhalb der Staatengemeinschaft.

Fazit

Die Bäume von Warren Buffett wachsen nicht in den Himmel, wie das Beispiel Kraft Heinz zeigt. Anlegern sei dennoch empfohlen dem Rat des Altmeisters zu folgen: Den ganzen Wald zu betrachten, nicht die einzelnen Bäume.

© Christoph Karl, Ralph Malisch

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