Frieden und Wohlstand durch Freihandel

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von Prof. Thorsten Polleit

TTIP und CETA haben herzlich wenig mit Freihandel zu tun. Man braucht nämlich keinen Vertrag, um Freihandel zu betreiben. Im Folgenden sollen zunächst einige grundlegende Erkenntnisse über Freihandel präsentiert werden, danach werden einige Einschätzungen zur Freihandelsqualität von TTIP und CETA gegeben.

„TTIP“ ist die Abkürzung für Transatlantic Trade and Investment Partnership, also Transatlantisches Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa. „CETA“ steht für Comprehensive Economic and Trade Agreement, ein Umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen zwischen Canada. Gegen beide Vorhaben regt sich großer Widerstand.

Arbeitsteilung

Der englische Ökonom David Ricardo (1772 - 1823) zeigt mit seiner Theorie der Komparativen Kosten die wohlstandsmehrende Wirkung der Arbeitsteilung. Es ist nicht schwer einzusehen, wie sich die Arbeitsteilung zwischen zwei Ländern entwickelt, die jeweils bei der Herstellung eines Gutes einen Kostenvorteil haben: Jedes Land produziert das Gut, das es am kostengünstigsten herstellen kann.

Aber auch in dem Fall, in dem ein Land alle Güter kostengünstiger produzieren kann, kommt es zur Arbeitsteilung: Für die Länder lohnt es sich auch dann in eine Arbeitsteilung zu treten, wenn ein Land in jeder Hinsicht dem anderen überlegen ist. Nur in dem Fall, in dem beide Länder mit Blick auf ihre Produktionsfähigkeiten gleich wären, käme es zu keinerlei Arbeitsteilung.

Freihandel

Arbeitsteilung bedeutet Spezialisierung: Jeder konzentriert sich auf die Herstellung desjenigen Gutes, das er am besten herstellen kann. In einer arbeitsteilig organisierten Produktion erstellt Herr A nicht mehr für den Eigenbedarf. Vielmehr produziert er für den Bedarf von Herrn B, und letzterer produziert für Herrn C, der für Herrn A produziert. Und so weiter. Eine derartige Arbeitsteilung ist nur möglich, wenn Handel möglich ist.

Anders gesprochen: Ohne Handel lässt sich nicht arbeitsteilig wirtschaften, beziehungsweise die Ergiebigkeit der Arbeit, die aus der Arbeitsteilung erwächst, lässt sich ohne Handel nicht erhöhen. Und je freier der Handel – zwischen Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten aus verschiedenen Regionen der Welt – ist, desto größer sind auch die Potenziale, den materiellen Wohlstand der Menschen zu verbessern.

Frieden

Arbeitsteilung und Handel ermöglichen aber nicht nur, den materiellen Wohlstand für alle Beteiligten zu verbessern. Sie erweisen sich auch als friedenstiftend. Menschen, die arbeitsteilig miteinander verbunden sind, erkennen sich als gegenseitig nutzbringend und sehen sich damit nicht länger als Konkurrenten um knappe Güter (wie das noch in Zeiten der Fall war, als der Mensch Jäger und Sammler war).

Arbeitsteilig verbundene Menschen entwickeln ein Interesse am Wohlergehen ihrer Mitmenschen. Im Kern ist die Arbeitsteilung, befördert durch den freien Handel, ein Prozess, der das menschliche Zusammenleben zivilisiert. Arbeitsteilung und Handel, deren Vorteilhaftigkeit sich den Menschen, soweit sie mit einer Minimumintelligenz ausgestattet sind, rasch erschließt.

Man muss nur einen Blick in die Geschichte werfen, und man erkennt anhand vieler Beispiele, wie schädlich sich Handelsbarrieren, Zölle und Protektionismus für das Miteinander unterschiedlicher Nationen ausgewirkt haben. Man denke beispielsweise an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der staatliche Eingriffe dafür sorgten, dass die internationalen Handels- und Finanzbeziehungen kollabierten beziehungsweise sich nicht wieder aufbauen konnten.

Einschränkungen des freien Handelns verhindern, dass das Friedenspotenzial, das der Freihandel bietet, nicht voll ausgeschöpft, beziehungsweise Konfliktherde erst entstehen und bestehende noch weiter vergrößert werden. Denn es ist zu beachten, dass unter Einschränkungen des Freihandels auch die Arbeitsteilung leidet. Die Einkommenssituation aller verschlechtert sich (sie fällt hinter das Niveau, das sich ohne Handelsbeschränkungen erreichen ließe.)

Bei einem Handelsboykott werden nicht nur Konsumenten und Produzenten des boykottierten Landes geschädigt. Auch für die Konsumenten und Produzenten in den Ländern, die den Boykott durchführen, sinkt das Wohlstandsniveau. Die Preise der Konsumgüter fallen höher aus, die Gewinnmöglichkeiten der Produzenten fallen geringer aus, und das materielle Wohlstandsniveau nimmt für alle ab.

Wozu ein Freihandelsvertrag?

Wie sind vor diesem Hintergrund TTIP und CETA zu sehen – die hinter dicht verschlossenen Türen in geheimnisvoller Weise von Staatsvertretern und Industrielobbyisten ausgekungelt werden?

Freihandel braucht keinen Vertrag, wie es TTIP und CETA suggerieren. Alles, was er braucht, sind Handelspartner, denen es erlaubt wird, freiwillig miteinander Verträge abzuschließen, und zwar ohne Einschränkung, jederzeit und über alle Grenzen hinweg.

Es drängt sich daher zu Recht der Verdacht auf, dass TTIP und CETA herzlich wenig mit Freihandel zu tun haben, dass sie vielmehr von Interessengruppen auf beiden Seiten des Atlantiks genutzt werden sollen, um ihre Marktstellungen zu verteidigen beziehungsweise auszubauen.

Den bei TTIP und CETA mitwirkenden Staaten geht es ebenfalls nicht um echten Freihandel, sondern sie wollen sicherstellen, dass ein unbehinderter Freihandel nicht die bestehenden Herrschaftsverhältnisse, die Grundpfeiler des Wohlfahrts- und Umverteilungsstaates einreißt.

Dass die breite Öffentlichkeit TTIP und CETA skeptisch gegenübertritt, ist daher grundsätzlich richtig. Allerdings sind die Beweggründe des Widerstandes die falschen: Die Menschen sehen in TTIP und CETA fälschlicherweise einen ungestümen Freihandel, eine Entfesselung des kalten Wettbewerbs, bei dem die Großindustrie der Gewinner und der Konsument und Arbeitnehmer auf der Strecke bleiben.

Wenn es das Ziel ist, die materielle Wohlfahrt zu verbessern, muss die Forderung unumwunden lauten: Alle Hindernisse, die einem freien Handel entgegenstehen, sind zu beseitigen.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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