Iden des März: War es das, oder geht es jetzt erst richtig los?

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vom Smart Investor

Ohne das Bild der „Iden des März“ überstrapazieren zu wollen, fanden große Marktwenden schon mehrfach im Frühjahr eines Jahres statt. Allerdings muss man hier ein wenig zeitlichen Spielraum gewähren, um die Sache passend zu machen. Und schließlich war das Thema nicht immer „Unheil“, wie beim Ende des Hypes am Neuen Markt im März 2000…

Der 4. März liegt hinter uns und die Entscheidungen dieses Tages damit auf dem Tisch: In der Chronologie eröffnete die SPD kurz nach halb zehn mit der Bekanntgabe des Ergebnisses der Mitgliederbefragung zur Koalition mit der CDU/CSU. 66% der Genossen haben demnach dafür gestimmt – erstaunlicherweise sind das sogar deutlich mehr als auf dem letzten Parteitag, wo der Wert um volle zehn Prozentpunkte tiefer lag.

Es ist ungewöhnlich, dass die Parteibasis stärker nach Ämtern strebt als die Parteitagsfunktionäre. Allerdings sind derartige Mitgliederentscheide in der Praxis weit weniger „basisdemokratisch“ als es den Anschein hat: Besonders, wenn sich der Parteivorstand in einer Sache einig ist, kann er den Parteiapparat in seinem Sinne nutzen und die Chancen der Herausforderer auf ein faires Verfahren schwinden. Das war auch in der FDP beim Mitgliederentscheid zur Errichtung des ESM im Jahr 2011 nicht anders.

Grausamkeiten ab Mitte März?

Nachdem nun die letzte Hürde genommen wurde, wird die Regierung aller Voraussicht nach am 14. März vereidigt und kann damit ab Mitte März ihre Arbeit aufnehmen. Diese sogenannten „Iden des März“ gelten laut Wikipedia als eine „gebräuchliche Metapher für bevorstehendes Unheil“.

Wie unheilvoll es insbesondere für die Nettosteuerzahler im Lande werden wird – also diejenigen, die den Laden am Laufen halten –, davon kann man sich anhand des 179seitigen Koalitionsvertrages überzeugen. So ähnlich stellt man sich eine juristisch abgesicherte Zwangsehe zwischen zwei Partnern vor, die nach vielen Jahren derart abgestumpft sind, dass sie das Bett nicht wirklich länger miteinander teilen wollen. Sollbruchstellen gibt es also reichlich.

Die Analyse des Bankhauses M.M. Warburg fällt vernichtend aus. Die versprochene und von vielen Wählern gewünschte personelle Erneuerung findet zudem eher an der Peripherie der Regierung statt, also bei jenen Ministerposten, die in der Öffentlichkeit ohnehin kaum wahrgenommen werden – im Kanzleramt, wo Erneuerung überfällig ist, bleibt alles beim/bei der Alten. Und da können wir der künftigen Regierung nach den bisherigen Erfahrungen weder besondere Wirtschaftskompetenz noch Weitsicht zutrauen. Dennoch zählt es zu den ungeschriebenen politischen Gesetzen, dass die Grausamkeiten gegen die Wähler unmittelbar nach Amtsübernahme verübt werden – Iden des März eben. 

Die Hoffnung der jeweiligen Regierung ist dabei regelmäßig eine Zweifache: Zum einen können die ergriffenen Maßnahmen bis zur Wahl bereits positive Wirkungen entfalten – zumindest dort, wo sinnvolle Maßnahmen ergriffen wurden. Zum anderen wird auf das kurze Gedächtnis der Wähler spekuliert, die die Grausamkeiten bis zur nächsten Wahl schlicht vergessen haben sollten.

Verhandlungstaktik oder Amoklauf?

Apropos wirtschaftliche Kompetenz: Die US-Steuerreform war aus amerikanischer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung. Im aktuellen Smart Investor 3/2018 finden Sie dazu ein ausführliches Interview mit Arthur B. Laffer, der in dieser Angelegenheit zu den Beratern von US-Präsident Trump gehörte und schon als einer der Väter der Reagonomics gilt. Hochsteuerstaaten wie Deutschland werden unter der neuen Magnetwirkung des Standorts USA perspektivisch leiden.

Auf mittlere Sicht ergibt sich aus diesem Steuerwettbewerb jedoch zumindest theoretisch die Chance, dass auch diesseits des Atlantiks umgedacht wird. Für Steuerzahler wären das gute Nachrichten. Auf wenig Gegenliebe stieß dagegen Trumps jüngste Ankündigung von Strafzöllen auf Stahl und Aluminium. Zwar gehört es zu Trumps Politikstil, Dinge in den Raum zu werfen, um so Positionen für Verhandlungen aufzubauen, diesmal könnte er es aber ernst meinen. Immerhin ging mit Gary Cohn nun einer seiner profiliertesten Wirtschaftsberater von Bord. Cohn war bis zuletzt gegen neue Zölle, was die Gerüchte nährte, dass hier ein direkter Zusammenhang besteht. Sollte im Welthandel tatsächlich auf die Linie von Straf- und Vergeltungszöllen eingeschwenkt werden, dann spielen die Kontrahenten ein Spiel ohne Gewinner.

Nachvollziehbarer Protest

Die italienische Parlamentswahl erbrachte das erwartet schwierige Ergebnis. Egal ob Lega Nord im Norden oder die Fünf-Sterne-Bewegung im Süden, auch hier erhielt das Establishment einen Denkzettel. Damit reiht sich Italien in die vielen Länder ein, deren Wähler mit der Gesamtsituation unzufrieden sind, und die – wohl nicht ganz zu Unrecht – die jeweiligen Regierungen in der Verantwortung für die betriebene Politik sehen. Solange sich die von den etablierten Parteien angebotenen Lösungen zwischen „Weiter so“ und „Noch mehr desselben“ bewegen, während sich die Selbstkritik auf eine lediglich falsche Vermittlung an sich richtiger Inhalte beschränkt, ist jeder abgewanderte Wähler hochverdient.

Trotz der absehbar schwierigen Regierungsbildung in Italien muss es einem um das Land derzeit nicht bange sein: Erstens wird sich jede neue Regierung, egal welcher Couleur, eine weitere Mitgliedschaft im Euro teuer bezahlen lassen. Zweitens sind die Politiker des Landes – wie zuletzt Matteo Renzi – offenbar noch weit genug in der Realität geankert, um eine Wahlniederlage erkennen zu können, und verfügen zudem über die intellektuellen und charakterlichen Voraussetzungen, um die daraus notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Staatstropf für Medienschaffende

Mit einer überwältigenden Mehrheit von knapp 72% wurde ebenfalls am 4. März die No-Billag-Initiative in der Schweiz abgelehnt. Den Initianten ging es um die Abschaffung der Zwangsgebühren für den sogenannten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Billag ist dabei in etwa mit der deutschen GEZ zu vergleichen, was die Vehemenz der Parteinahme der ebenfalls von Zwangsgebühren genährten staatlichen deutschen Sender erklären dürfte. Nach unserem Verständnis sollen Menschen soweit irgend möglich selbst entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Der Zwang zur Finanzierung einer Einrichtung, die man weder nutzen noch unterstützen möchte, ist eigentlich eine ziemliche Zumutung – zeitgemäß ist ein solches Modell schon lange nicht mehr. Dass man auch hierzulande weiter auf der Vergütung per Zwang besteht, sagt schon einiges darüber aus, wie man die Marktfähigkeit der eigenen Leistungen tatsächlich einschätzt. Trotz des Scheiterns von „No Billag“ erwarten wir, dass weit über die Schweiz hinaus die Staatsfinanzierung ausgewählter Medien auf eine zunehmend kritische Öffentlichkeit stößt – und das ist auch gut so.

Markt und März

Ohne das Bild der „Iden des März“ überstrapazieren zu wollen, fanden große Marktwenden schon mehrfach im Frühjahr eines Jahres statt. Allerdings muss man hier ein wenig zeitlichen Spielraum gewähren, um die Sache passend zu machen. Und schließlich war das Thema nicht immer „Unheil“, wie beim Ende des Hypes am Neuen Markt im März 2000…

Die damals ausgelöste Baisse endete zudem am 13. März 2003. Und auch die durch die Finanzkrise ausgelöste Abwärtsbewegung fand ihren Tiefpunkt im März, am 9.3.2009, ein Tag, der als Startpunkt des noch immer anhaltenden großen Aufwärtstrends der letzten neun Jahre angesehen wird. Wie gesagt, überstrapazieren wollen wir den März an dieser Stelle nicht, allerdings neigt sich das statistisch deutlich positivere Börsenhalbjahr mit dem kommenden Mai wieder seinem Ende entgegen. Wenn sich der DAX schon in dieser saisonal begünstigten Phase so schwer tut wie in den letzten Wochen, was kommt dann erst in der saisonal schwierigen Phase auf uns zu? Genau hier schließt sich der Kreis zur neu gebildeten Regierung (s.o.).

Aktuell ist der DAX übrigens aus der in der letzten Woche beschriebenen Korrekturformation kraftvoll nach unten ausgebrochen. Das Marktbild ist damit noch einmal etwas schwächer geworden, auch wenn die zwischenzeitlich erreichten neuen Tiefs bislang nicht nachhaltig waren. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass der deutsche Markt international derzeit zu den schwächeren gehört. Es wäre also falsch, daraus unmittelbar auf die Weltaktienmärkte zu schließen. Denn einige Probleme wie die Unsicherheiten um die Regierungsbildung oder die USD-Schwäche, die sich erstaunlicher Weise nicht einmal im Gefolge der Italien-Wahl relativierte, sind Spezialthemen für den hiesigen Markt. Hinsichtlich der Wechselkursproblematik überlegen wir derzeit sogar, uns gegen einen jederzeit doch noch möglichen Verfall des Euro abzusichern – die Prämien dafür sind derzeit durchaus attraktiv.

Fazit

Nächste Woche ist es soweit. Mitte März, zu den „Iden des März“ nimmt die neue Regierung ihre Amtsgeschäfte auf. Das Datum gilt als Vorbote für drohendes Unheil – möglicherweise für die Börsen, ganz sicher aber für die Steuerzahler.

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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