Löcher in der Matrix - "... des Lied ich sing"

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Von Ralph Malisch

Mit Studien und Umfragen zu den Befindlichkeiten der Gesellschaft ist das so eine Sache. Oft genug kommt dabei lediglich genau das heraus, das – Überraschung! – dabei herauskommen sollte. Der Wert solcher Untersuchungen besteht dann entsprechend weniger in neuen oder vertieften Erkenntnissen über das Untersuchungsobjekt als... in der Brauchbarkeit der Studienergebnisse für erzieherische Zwecke.

Während sich unter dem Druck der Verhältnisse eine gefühlt immer kleiner werdende Gruppe von Instituten und Stiftungen tatsächlich um seriöse Arbeit und ein neutrales Untersuchungsdesign bemüht, scheint bei vielen die behauptete Seriosität längst dem Grundsatz „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ gewichen zu sein. Aber selbst in einer, an solchen Ausarbeitungen nicht gerade armen Zeit, gelang es der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung mit ihrer „Mitte-Studie“ vergleichsweise mühelos neue Tiefen auszuloten – schlimmer geht immer. Das ging dann sogar einigen SPD-Granden wie Sigmar Gabriel zu weit, der sich immer deutlicher gegen allzu linke Strömungen in seiner Partei in Stellung bringt und damit immer unverhohlener die Demontage von SPD-Chefin Nahles betreibt. Die ist schließlich nicht nur seine Nachfolgerin im Parteivorsitz, sie könnte auch seine Vorgängerin werden.

Eine andere Studie, die dieser Tage von sich reden machte, ist die ebenfalls seit einigen Jahren regelmäßig veröffentlichte Demokratie-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center mit Sitz in Washington. In keinem anderen Land der Welt habe demnach die Zufriedenheit mit der Demokratie so stark abgenommen wie in Deutschland. Ganze 43% der BefragtInnen, das sind 17 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, zeigten sich demnach unzufrieden mit der demokratischen Gesamtsituation. Dabei erscheint die Aussage, dass „… die Unzufriedenheit unter Befürwortern populistischer Parteien besonders ausgeprägt“ ist, auf den ersten Blick wenig überraschend. Genau genommen stellt sie jedoch die Verhältnisse im Sinne der Henne-Ei-Problematik auf den Kopf: Nicht die Anhänger populistischer Parteien sind besonders unzufrieden mit der Situation, sondern die Unzufriedenen fanden ihre politische Heimat vermehrt in populistischen Parteien. Der Schwarze Peter für den Aufstieg dieser Parteien, und das ist die schmerzliche Kausalkette, die zu kommunizieren man sich scheut, liegt demnach nicht bei den Unzufriedenen, sondern bei jenen, die diese Unzufriedenheit durch ihre Politik zu einem Massenphänomen gemacht haben.

Den größten Zuwachs an Zufriedenheit (!) gab es laut Pew-Studie mit einem Plus von 14 Prozentpunkten übrigens in Frankreich. Nanu, mag der eine oder die andere denken, ist das nicht das Land, in dem seit Monaten jene hierzulande beredt beschwiegenen „Gelbwesten“-Proteste stattfinden? Des Rätsels Lösung: Die Franzosen befragte das Pew-Institut bereits im vergangenen Frühjahr und da war von den wöchentlichen Massenprotesten weit und breit noch nichts zu sehen. Zumindest zeigt der Fall Frankreich(s) wie gering letztlich der praktische Nutzen solcher Studien in einer dynamischen Welt ist, selbst wenn sie gewissenhaft durchgeführt worden sein sollten. Die Pew-Studie zum Nachlesen gibt es übrigens hier und wer sich für Hintergründe der Organisation interessiert, sollte sich auch mit der Historie und der dahinter stehenden Stiftung beschäftigen – und sei es auch nur, um eine bessere Vorstellung davon zu bekommen, wessen Lied dort gesungen wird.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

Photo by Markus Spiske

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