Löcher in der Matrix - Armes "reiches" Land

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Von Ralph Malisch

Wann immer wir in Deutschland „Das Märchen vom reichen Land“ hören, so der Titel des jüngsten Buches von Dr. Daniel Stelter*, ist dies nicht mit einem anerkennenden Schulterklopfen für erbrachte Leistungen verbunden. Nein, die begleitende Geste ist die aufgehaltene Hand, denn der Aussage „Wir sind ein reiches Land“ folgt zuverlässig die Aufforderung, diesen Reichtum in der einen oder anderen Form zu teilen. Aus „Verantwortung“, wie besonders gerne von denen betont wird, die zur Entstehung dieses „Reichtums“ eher weniger beigetragen haben. Das Mantra vom „reichen Land“ wird von dieser Seite vor allem aus einem Grund partout nicht hinterfragt: Weil es nicht stimmt.

Schon in den Jahren 2013 und 2016 untersuchte die Deutsche Bundesbank die Vermögenssituation der deutschen Haushalte im europäischen Vergleich. Mehr als das untere Mittelfeld kam dabei nicht heraus. In der EZB-Studie von 2013 lag der Median der Vermögen bundesdeutscher Haushalte gar auf dem letzten Platz in der Eurozone, insbesondere auch deutlich hinter den Vergleichswerten aus jenen Ländern, die da bereits kräftig mit deutschem Geld „gerettet“ wurden.

Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dass in Deutschland möglicherweise bei der Abgabenlast etwas übersteuert wurde. Weil man die Deutschen für reicher hält als sie tatsächlich sind, belastet man sie mit zu hohen Steuern. Denn zumindest bei der Steuerbelastung nimmt die Bundesrepublik zuverlässig einen der vorderen Plätze ein. Diese Form der zwangsweisen Umverteilung ist zwar höchst ärgerlich, aber möglicherweise ist es für den einen oder anderen ein Trost, dass wir im Ergebnis wenigstens einen reichen, vor Kraft strotzenden Staat haben müssen, der seinen Bürgern immer dann zur Hilfe eilt, wenn diese der Hilfe bedürfen. Es hätte schon größter Anstrengung bedurft, angesichts der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, der sprudelnden Steuereinnahmen und der Nullzinsen auf die Staatsschulden, keine märchenhaft prall gefüllte Staatskasse vorweisen zu können.

Offenbar wurde genau diese „Anstrengung“ nicht gescheut. Denn mehr als eine armselige „Schwarze Null“ ist nicht hängengeblieben. Und die ist alleine der kameralistischen Methodik zu verdanken, nach der stets nur Einnahmen und Ausgaben eines Haushaltsjahres verglichen werden. Der Internationale Währungsfonds (IWF) verglich in einer aktuellen Studie dagegen das staatliche Reinvermögen verschiedener Länder, und da sieht es in Deutschland, wie in vielen westlichen Staaten, ziemlich düster aus. Dass Deutschland in der Auflistung nicht noch weiter nach unten durchgereicht wurde, ist beispielsweise dem Umstand zu verdanken, dass zwar die Verpflichtungen aus Beamtenpensionen, nicht aber diejenigen aus der Rentenversicherung berücksichtigt wurden. Oliver Baron von Godmode-trader.de bringt es auf den Punkt: Der deutsche Staat ist sogar ärmer als Uganda und Kenia. Die reichsten Staaten sind nach dieser Statistik übrigens Norwegen, Russland und Kasachstan.

Wenn also weder die deutschen Haushalte, noch der deutsche Staat „reich“ sind, fragt es sich doch, warum die Politik trotzdem mit Geld – das sie gar nicht hat – seit Jahren förmlich um sich wirft? Das ist in etwa so, als würde man Menschen mit niedriger Lebenserwartung in Aussicht stellen, ihre Lebensarbeitszeit zu verlängern. Oh, Moment, genau das hat Bundesgesundheitsminister Spahn gerade getan, obwohl das Renteneintrittsalter hierzulande schon jetzt zu den höchsten gehört und die Lebenserwartung der Deutschen die niedrigste in ganz Westeuropa ist. Die Lebenserwartung ist, nebenbei bemerkt, ein klassischer Wohlstandsindikator. Vielleicht ist es also an der Zeit unsere europäischen Freunde einmal an ihre „Verantwortung“ zu erinnern, damit die kurzlebigen Deutschen nach all der Plackerei ein bisschen früher in Rente gehen dürfen? Wäre das nicht „gerecht“?!

Keine Angst, das war natürlich nur Spaß. Unmittelbar nach Veröffentlichung der „Global Burden of Disease Study“ war der Medienmainstream um eine Erklärung nicht verlegen. Unter dem Bild eines (Gott-bewahre-Schweine-?)Bratens mit Knödeln erfuhren wir beispielsweise beim Tagesspiegel etwas über die Ursachen: Fette/schlechte Ernährung und zu wenig Prävention. Es liegt also klassisches Selbstverschulden vor, für das selbstredend keine europäische Solidarität erwartet werden darf. Vielmehr wäre demnach wohl eher zu prüfen, ob das vorzeitige Ableben der Deutschen wirklich nur auf bloßer Fahrlässigkeit beruht, oder ob sich da nicht der eine oder andere seiner „Verantwortung“ durch eine dauerhafte Auswanderung ins Nirwana vorsätzlich entzieht?

* Das mit Dr. Daniel Stelter am Rande der Münchner Wirtschaftsgespräche geführte Interview lesen Sie im nächsten Smart Investor 1/2019.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

Photo by Markus Spiske 

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