Nach Disruptionen Konstruktivität?

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von Folker Hellmeyer

Das Wechselbad der Wahrnehmungen und Gefühle, dem die Wirtschaft und die Finanzmärkte durch die ungewohnte Art und Weise der US-Politik ausgesetzt ist, setzt sich fort. Heute dürfen wir nach der US-Eskalation vor dem Wochenende mit der Androhung, Zölle gegenüber China auf Waren im Wert von 500 Mrd. USD zu erheben und China und die Eurozone der Währungsmanipulation zu bezichtigen, entspannter in den Tag starten...

Gegenüber Mexiko ist Herr Trump für seine Verhältnisse konziliant. Donald Trump zeigte sich zuversichtlich bezüglich einer Einigung mit Mexiko über ein neues Handelsabkommen (NAFTA). Den mexikanischen Präsidenten Obrador nannte Trump eine grandiose Person.

Die EU geht zwar nicht auf den Vorschlag des US-Finanzministers Mnuchin ein, einen Vorschlag hinsichtlich eines Handelsabkommens zu unterbreiten, dessen Komtur natürlich zuvor von den USA in Buenos Aires determiniert wurde. Die EU zeigt sich aber konstruktiv.

Die EU-Kommission geht laut Medienberichten mit einem Reformvorschlag für die WTO auf die USA zu. 23 Jahre nach der Entstehung der WTO müsse das System laut der EU angepasst werden. Die EU-Kommission schlägt Änderungen im Schiedsgerichtssystem vor. Die Kommission beabsichtigt, die Anzahl der Richter von sieben auf neun Positionen zu erhöhen. Die Fälle sollen grundsätzlich innerhalb von 90 Tagen entschieden werden. Mehr noch soll sich die WTO mit einer größeren Bandbreite an Themen beschäftigen, um gegen Subventionen und den erzwungenen Transfer von Technologie vorzugehen.

Damit bewegt sich die EU auf Positionen der USA zu. Das ist positiv zu bewerten, da das Konstrukt der WTO eine entscheidende und unverzichtbare Basis für die arbeitsteilige Weltwirtschaft darstellt.

Um mit den "Wechselbädern" die uns aus den USA angedient werden, besser umgehen zu können, ist es entscheidend, das Verfahrensmuster zu erkennen.

Grundsätzlich gibt es vereinfachend gesprochen drei Varianten, einen gegebenen Status zu verändern:

Evolution:

Das sind wir aus der Vergangenheit seit 1949 gewohnt. Dem Prozess wohnt eine gewisse Trägheit inne. Das Risiko von Filz und Vorteilnahme im Rahmen politischer Korrektheit und damit mangelnder systemischer Tugendhaftigkeit ist nicht unerheblich. Wenn die evolutionäre Anpassung bei der Problembeseitigung versagt, kommt es zur Eskalation, die in disruptive Tendenzen münden kann.

Disruption:

Hier werden Konstellationen und Strukturen aggressiv in Frage gestellt. Die Disruption ist diesbezüglich ein Katalysator für die Chance auf eine innere Erneuerung, die verbesserte Zukunftsfähigkeit mit sich bringen kann.

Sie kann aber auch destruktiv wirken, wenn sich mit der Disruption nicht rationale, sondern beispielsweise ideologische Neuausrichtungen verbinden.

Revolution:

Das passiert, wenn die ersten Varianten versagen und die Probleme der Menschen von den obwaltenden elitären Strukturen missachtet werden. Hier ist der Kollateralschaden regelmäßig (1789, 1917) erheblich.

Donald Trump wählt den Weg der Disruption. Gleichzeitig bedient er sich aus dem Baukasten der Spieltheorie und auch Erkenntnissen, die in Las Vegas ausgeprägt sind.

Das ist für das politische Establishment, das auf der Weltbühne agiert, bezüglich des Stils ungewohnt.

Es ist auch ungewohnt, dass die USA ihre nationalen Interessen (America first) jetzt offen thematisieren. "Behind closed doors" ist Geschichte. 

Aber liebes Brüssel, liebes Berlin, es hat sich doch faktisch nichts geändert, außer dass manche vermeintliche Realitäten, die für die Öffentlichkeit wirksam etabliert wurden, sich als allzu billige Narrative entlarven!

Fakt ist, dass Trumps Disruption die Welt verändert. Dabei gibt es durchaus positive Aspekte:

  1. China öffnet Märkte schneller wegen der US-Drohkulissen. Davon profitieren die EU und die Weltwirtschaft.
  2. Die Kunst der Diplomatie und nicht die Eskalation via Sprachlosigkeit ist mit Moskau wieder auf der Agenda.
  3. Das Thema Nordkorea ist nach Drohkulissen heute ein Fall der Diplomatie.
  4. Das Modell der WTO könnte zukunftsfähiger gestaltet werden.
  5. Am Ende des Handelsstreits der EU mit den USA könnten geringere Zölle auf allen Seiten stehen.
  6. Im Rahmen der Auseinandersetzung um NAFTA keimt nach der Eskalation die Chance auf Lösungen.

Entscheidend ist die Frage, wie rational und geplant das US-Vorgehen ist oder ob die positiven Aspekte, die mindestens in Ansätzen bei gutem Willen erkennbar sind, am Ende nur zufälliger Natur sind?

Fakt ist, dass nach der Disruption bisher überwiegend am Ende Konstruktivität die Folge war.

Das ist auch heute bestätigt mit den EU-Vorschlägen zur Reform der WTO und den Einlassungen Trumps zu Mexiko.

Hoffnung ist mindestens erlaubt   Euphorie ist nicht angebracht!

 

Datenveröffentlichung der Eurozone

Die Erstschätzung des Verbrauchervertrauens der Eurozone lieferte keine bahnbrechenden Erkenntnisse.

Per Juli verharrte dieses Barometer bei -0,60 Punkten. Die Prognose war bei -0,70 angesiedelt. Der Vormonatswert wurde von -0,50 auf -0,60 Zähler revidiert.

Die gestern veröffentlichten US-Daten boten ein gemischtes Bild:

Der Chicago Fed National Activity Index (Sammelindex aus 85 US- Einzelindikatoren) legte per Juni von -0,45 (revidiert von -0,15) auf +0,43 Punkte markant zu.

Der Absatz zu vor genutzter Wohnimmobilien sank per Juni unerwartet um 0,6%. Die Prognose lag bei +0,5%. Mehr noch wurde der Vormonatswert von -0,4% auf -0,7% revidiert. Das   zwischen Anstieg der mittleren Einkommen und der Zunahme der Immobilienpreise scheint langsam Wirkung zu erzielen.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den Euro gegenüber dem USD favorisiert, sofern das Unterstützungsniveau bei 1.1490 wird.

Viel Erfolg!

© Folker Hellmeyer 
Chefanalyst der Solvecon Invest GmbH

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