Nur ein "Blitz"?! "The Day after" - was der Montags-Crash bedeutet

Tags: Dow Jones DAX Smart Investor Ralph Malisch Ralf Flierl

vom Smart Investor

Mit unserem letzten SIW 5/2018 „Sturmwarnung! Zurückhaltende Einschätzung angesichts zunehmender Risiken“ trafen wir ziemlich genau ins Schwarze. Überraschend war allenfalls die Geschwindigkeit, mit der der Blitz auf die Märkte niederfuhr.  Ein Blitz aus heiterem Himmel war es dennoch nicht.

Hohe Bewertungen, niedrige Volatilität, fehlende Terraingewinne nach langer Hausse, all dies waren die Zutaten für ein kleines Donnerwetter. Ein Unfall, der buchstäblich darauf wartete einzutreten. Schon gegen Ende der Vorwoche neigten die internationalen Märkte zur Schwäche. Nach tragfähiger Unterstützung suchten sie dabei vergebens. Über das Wochenende reifte dann offenbar die Erkenntnis, dass es auf diesem Niveau nicht viel zu gewinnen, aber doch noch einiges zu verlieren gäbe. 

Der Montag brachte dann im Dow Jones mit einem Minus von per Saldo 1.175 Punkten den größten Punkteverlust aller Zeiten. Zwischenzeitlich war es auch schon ein Minus von mehr als 1.600 Punkten gewesen. Ganz so rekordverdächtig war die Sache allerdings nicht, denn prozentual – und das ist die einzig relevante, wenn auch nicht so Schlagzeilen-trächtige Maßzahl – lag das Minus bei „nur“ 4,6%. Das ist zwar noch immer ein eindrucksvoller Wert, allerdings noch(?) kein Weltuntergang.

Lustige Erklärbären

Der Chart bestätigt das Bild (vgl. Abb.). Der Absturz ist hässlich, aber noch immer verläuft der Kurs oberhalb des nach wie vor steigenden 200-Tage-Durchschnitts (grau). Da sieht das Bild beim DAX deutlich schlechter aus (s.u.). Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Dollar-Schwäche dem US-Markt enormen Rückenwind gibt, während sie umgekehrt beim DAX als Bremser wirkt. 

Zeichnet man beide Indizes in der gleichen Währung, relativiert sich das Bild entsprechend. Wirklich spaßig sind die Erklärungsversuche, die ja üblicherweise kommen, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist. Da werden zum Beispiel Aktienverkäufe der festgesetzten saudischen Prinzen genannt, so als ob man im Umgang mit solchen Vermögen nicht „interessewahrend“ handeln würde. 

Spiegel Online sieht gar eine „Lektion für Trump“. Ausgerechnet jetzt, nachdem der komplette Mainstream knapp anderthalb Jahre geflissentlich übersehen hatte, dass sich die Wall Street seit der Wahl Trumps in der Dauer-Hausse befunden hatte. So biegt sich halt jeder die Welt genauso hin, wie es für ihn passt.

Frostiges Willkommen

Falls die Märkte hier überhaupt jemanden eine Lektion erteilt haben sollten, dann wohl eher dem frischgebackenen Fed-Chef Jerome Powell, der just am 5. Februar die Amtsgeschäfte von Janet Yellen übernahm. Viel frostiger hätte der Empfang kaum ausfallen können. Möglicherweise wollte Wall Street dem Neuen auch nur auf den Zahn fühlen, ob es nach dem Greenspan-, Bernanke- und Yellen-Put künftig auch einen Powell-Put geben werde? 

Mit diesen „Puts“ sind die Interventionen der Fed bei stark fallenden Aktienkursen gemeint. Powell gab eines jener Statements zum Besten, die das Potenzial haben, noch in die Geschichtsbücher einzugehen, besonders falls die Märkte in der Folge tatsächlich weiter abstürzen sollten: „Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Wirtschaft wächst und die Inflation ist gering … Es freut mich, sagen zu können, dass unser Finanzsystem jetzt bei weitem stärker und widerstandsfähiger ist als vor der Finanzkrise, die ungefähr vor zehn Jahren begonnen hatte“. Aus dem Jahr 1929 sind ähnliche Experten-Kommentare überliefert. Am bekanntesten war der Geldtheoretiker Irving Fisher, der wenige Tage vor dem Crash äußerte, dass die „Aktienkurse ein – wie es scheint – dauerhaft hohes Niveau erreicht haben.“ In jedem Fall frönen die Märkte einer ziemlich grimmigen Variante des Humors.

Pfeifen im Walde

Auch die Charakterisierung als „Flash Crash“, die in der Wirtschaftspresse als dominantes Erklärungsmuster herhalten muss, ist möglicherweise nicht die finale Einschätzung. Es klingt ein wenig nach dem Pfeifen im Walde, wie hier der Eindruck eines einmaligen Ausrutschers erweckt wird, der bei vernünftiger Betrachtung schnell geheilt werden sollte. Das kann so sein, muss aber nicht. Was bisher zu sehen war, ist ein „normaler“ Kurssturz einschließlich eines reflexhaften Zurückschnalzens. Die echten Trendentscheidungen werden erst in der Folge getroffen, nämlich dann, wenn die Kurse sich an die Ausbruchsniveaus herantasten, die nun als massive Widerstände wirken. Sollten sie dort scheitern, ist ein weiterer Abwärtsschub wahrscheinlich.

Traurige Lage

Zwar konnte der DAX nicht mit Rekordpunkteverlusten auf sich aufmerksam machen, die technische Situation ist aber deutlich schlechter. Durch die wichtigen Unterstützungen bei 13.000 und 12.800 Punkten, die wir in der Grafik der Woche am letzten Donnerstag nochmals thematisierten, ging der Index wie das berühmte heiße Messer durch die Butter. Für einen Wiederanstieg sind dies nun extrem harte Widerstände. Auch der Aufwärtstrend (schwarz) wurde exakt an der thematisierten Kreuzunterstützung gebrochen. Mit dem „Versagenden Allzeithoch“, das man auch als Teil eines Doppeltops interpretieren kann, ist hier nun eine Topbildung vollendet. Das erste Top bestand in seiner internen Struktur aus einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation (rot), das zweite war Teil eines sogenannten „Broadening Top“ (grüne Linien), das am Montag nach unten verlassen wurde (vgl. Abb.). Auch der Blick in die einzelnen DAX-Titel bestätigt die negative Sichtweise. Sehr viel mehr als eine Erholung können wir uns hier aktuell kaum vorstellen. Woher manche Kommentatoren in dieser Situation ihren Optimismus nehmen, ist uns ein ziemliches Rätsel. Gerade weil medial nur von einem kleinen Unfall ausgegangen wird, könnte die Sache sogar wesentlich ernster werden, als es der bisherige Kursverfall andeutet.

Fazit

Der im letzten SIW 5/2018 angekündigte Börsensturm kam schneller und mit mehr Wucht, als wir uns das vorgestellt hatten. Viele Chartbilder sehen nun sehr angeschlagen aus. Für eine Entwarnung sehen wir derzeit keinen Anlass.

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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