SIW 38/2019: Tagesgespräch - Wie ein paar Drohnen Rohöl für 24 Stunden zur gefragtesten Anlage machten

Tags: Christoph Karl Ralph Malisch Ralf Flierl SIW 38/19 Smart Investor

Angst treibt Preise

Als am Wochenende die saudi-arabischen Ölanlagen in Abkaik und Churais durch einen Drohnenangriff schwer beschädigt wurde, konnte man ahnen, dass dies den Ölpreis erheblich antreiben würde. Überraschend war alleine das Ausmaß des Anstiegs. Alleine der WTI-September-Future wurde am Montag in der Spitze um rund 10 USD bzw. knapp 20% nach oben katapultiert. Es stimmt schon, die Anlagen sind für die saudi-arabische Erdölförderung – und damit auch für das Weltölangebot – von großer Bedeutung und die Schäden sind erheblich. Dass deshalb sämtliches Öl der Welt über Nacht knapp ein Fünftel mehr wert geworden war, entpuppte sich dann aber schon am gestrigen Dienstag als eine Überreaktion. Wie so häufig, wenn ein Ereignis die Schlagzeilen beherrscht, verengt sich die Perspektive der Marktteilnehmer auf diesen einen Aspekt, der dann entsprechend überproportional in die Preisbildung einfließt. Bis zum vergangenen Wochenende waren die Marktteilnehmer nämlich noch von Konjunktursorgen geplagt und das bedeutete eher rückläufige Ölpreise. Zudem ist die Weltwirtschaft auch längst nicht mehr so abhängig von saudischem Öl wie dies noch vor einem oder zwei Jahrzehnten der Fall war und möglicherweise auch heute noch im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Der Drohnenangriff alleine rechtfertigte den Preissprung also nicht.

 

„Urteil“ gefällt

Die Ängste, die am Montag die Preise trieben, dürften auch nicht nur mit den durch den aktuellen Angriff ausgelösten Versorgungsengpässen zu tun gehabt haben. Entscheidend waren vielmehr Befürchtungen, der Konflikt könne sich rasch zum Flächenbrand in der Region ausweiten. Denn obwohl sich jemenitische Huthi-Rebellen zu dem Angriff bekannten – Saudi-Arabien führt im Jemen seit Jahren Krieg gegen diese Gruppierung – wurde sehr schnell der Iran als eigentlicher Urheber der Angriffe ins Spiel gebracht. Zum einen unterstützt der Iran die Rebellen im Jemen mit Waffen, zum anderen stammten die verwendeten Drohnen/Flugkörper offenbar aus iranischer Produktion. Zwar sind beides keine stichhaltigen Beweise, für Saudi-Arabien und die USA scheint die (Mit-)Täterschaft Teherans damit jedoch eine ausgemachte Sache zu sein. Die Verkündung eines solchen „Urteils“ lässt entsprechend internationaler Gepflogenheiten in aller Regel eine entsprechende „Strafmaßnahmen“ der Geschädigten erwarten. Auf gut Deutsch: In der für die Ölversorgung der Welt sensibelsten Region droht eine unberechenbare Eskalation zwischen den beiden dortigen Regionalmächten, die sich auch zuvor schon spinnefeind waren. Zusätzlich sitzen die USA, Russland und China mehr oder weniger gut sichtbar mit am Tisch. Im Prinzip haben die Märkte diese Gefahr am Montag schon richtig erkannt, auch wenn sie der tatsächlichen Entwicklung damit weit vorausgeeilt sind.

 

Eskalation abgesagt?

Noch ist nämlich gar nicht ausgemacht, dass die Eskalation so zwangsläufig erfolgen wird, wie das am Montag allgemein eingeschätzt wurde. Gerade unter US-Präsident Trump wird zwar gerne und oft verbal geholzt, dafür aber weitaus seltener scharf geschossen und gebombt als unter seinen Amtsvorgängern, von denen einer immerhin den Friedensnobelpreis eingeheimst hatte. Das ging sogar so weit, dass Trump in Bezug auf Syrien im Mainstream schon eine gewisse Kriegsunlust vorgeworfen wurde, ganz so als ob das ein Vorwurf sei. Nun stehen im kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen an und Trump dürfte noch weniger Neigung verspüren, sich, das Land und die Wirtschaft kurz vor dem Wahlkampf mit einem neuen heißen Nahost-Krieg zu belasten – Börsen-Crash inklusive. Darauf könnte auch die Personalie John Bolton hindeuten. Der insbesondere in Bezug auf den Iran als ausgesprochener Falke geltende Bolton wurde von Trump nur wenige Tage vor dem Drohnenangriff in Saudi-Arabien zum Rücktritt als Nationaler Sicherheitsberater aufgefordert. Eine äußerst interessante Personalentscheidung.

 

 

 

Rohöl im Chartcheck

Im Chart des Crude Oil Futures (WTI) sehen die beiden vergangenen Handelstage wie ein Ausrutscher aus (vgl. rote Markierung). Dabei ist allerdings zur berücksichtigen, dass der Preis zuvor nicht an der bei knapp 60 USD verlaufenden Abwärtstrendlinie (grau) lag, sondern rund 5 USD tiefer. Der Preis steht also, trotz der gestrigen Korrektur, aktuell noch immer um einen hohen einstelligen Prozentsatz über den Werten vom vergangenen Freitag. Charttechnisch würde man mit Bezug auf die, mit lediglich zwei Auflagepunkten allerdings nur schwach fundierte Abwärtstrendlinie von einem Fehlausbruch sprechen. Die Standarderwartung nach einem solchen Fehlausbruch wären weiter sinkende Ölpreise. Allerdings würden wir in dieser Situation weder die eingezeichnete Trendlinie noch die Charttechnik insgesamt überstrapazieren wollen. Die wesentlichen Impulse dürften hier nämlich bis auf weiteres nicht von technisch orientierten Tradern, sondern von externen Ereignissen gesetzt werden. Während die Hochs vom Montag wohl einer zu negativen Sichtweise geschuldet waren, dürften auf dem aktuellen Niveau schon nicht mehr alle Risiken adäquat eingepreist sein.

 

Peak Unicorn

Mit einem leichten Augenzwinkern haben wir in der letzten Woche über den Börsengang der The We Company berichtet – und dies mit Sicherheit nicht, weil wir dieses Unternehmen besonders interessant fanden. Viel eher ist der geplante und nun abgesagte Börsengang das finale Stadium einer Entwicklung gewesen, die in den letzten Monaten immer absurdere Züge angenommen hat. Fast schon im Monatstakt wurden sogenannte „Unicorns“ an der Börse notiert – hoch bewerte Start-Ups aus dem Technologiesektor (mehr als 1 Mrd. USD Bewertung), die mit einer ganz großen Story, dafür aber umso fragwürdigeren Zahlen an das Geld der Investoren wollten. WeWork hat es nun geschafft, den Bogen zu überspannen. Die Kombination aus einem schlechten Geschäftsmodell, einer grenzwertigen Corporate Governance und einer vollkommen absurden Bewertung (am Ende weniger als 20 Mrd. USD statt zuvor mehr als 50 Mrd. USD) war schließlich auch den schmerzbefreitesten Investoren zu viel. Viel interessanter als sich mit den Details des gescheiterten IPOs aufzuhalten, ist nun jedoch die Frage, welche Implikationen dies für die Börsen hat. Denn da ist die durchaus positive Botschaft, dass es eben doch noch Grenzen der Absurdität gibt. Die Marktteilnehmer lassen (noch) nicht alles mit sich machen. Zu den Verlierern zählt die in Liquidität ertrinkende Venture Capital Szene, die neben WeWork noch auf vielen weiteren „Unicorns“ sitzen dürfte, deren Phantasiepreise sich nun nicht mehr ohne weiteres in harte Dollars verwandeln lassen. Der größte Venture Capitalist dieser Tage ist im Übrigen die japanische SoftBank – und, welch ein Wunder, SoftBank ist ganz zufällig mit knapp 30% der größte Aktionär der We Company. Gut möglich, dass deren CEO Masayoshi Son nun Schwierigkeiten haben wird, einen weiteren 100 Mrd. USD umfassenden Vision Fund aufzulegen. Der Start-Up-Szene könnte dieser neue Realismus allerdings extrem gut tun. Ob „Peak Unicorn“ auch an den Börsen einen Wendepunkt markiert ist dagegen alles andere als sicher.

 

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Veranstaltungshinweis I

Am 12. Oktober laden die European Center of Austrian Economics Foundation (ECAEF) und die Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft zur Währungskonferenz 2019 ins Steigenberger Parkhotel Düsseldorf ein. Auch im dritten Jahr ist es den Veranstaltern gelungen, hochkarätige Experten zu gewinnen, die sich in Zeiten von Bitcoin und Mini-Bots einem brandaktuellen Leitthema widmen werden: „Wie weit sind wir auf dem Weg zur Entnationalisierung der Währungsordnung?“

Wir bei Smart Investor werden nicht müde, die Bedeutung des Geldwesens und die segensreichen Wirkungen einer guten Geldordnung für das friedliche Zusammenleben und die Prosperität einer Gesellschaft zu betonen. Deshalb werden wir auch bei dieser wichtigen Grundsatzdebatte wieder selbst vor Ort sein und freuen uns, Sie dort zu treffen.

Für die ganztägige Veranstaltung (9:30 Uhr – 18:00 Uhr) wird ein Kostenbeitrag von 130 EUR erhoben. Nähere Informationen finden Sie hier: https://hayek.de/pec-events/waehrungskonferenz-2019/

 

Veranstaltungshinweis II

 

Fazit

Ohne die Drohnenanschläge wäre Rohöl nicht über Nacht zum Tagesgespräch geworden. Gemessen am Materialeinsatz und der dadurch ausgelösten Kursbewegung war dies einer der größten Hebel in der Geschichte der Finanzmärkte. Dass auch diese politische Börse keine sonderlich langen Beine hatte, zeigte sich bereits am Tag danach.

© Ralph Malisch, Christoph Karl

https://www.smartinvestor.de

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