Steve Keen: Über die Finanzielle Instabilität nach Hyman P. Minsky

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Speziell für dieses Metallwoche-Interview hat Lars Schall außerdem vier Artikel aus der Feder von Steve Keen, die für den Business Spectator in Australien geschrieben worden waren, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Ebenso wurde das Interview-Transkript ins Deutsche übertragen, was Sie als Abonnent der Metallwoche unter dem obigen Link zum Podcast finden.


Biografie
Steve Keen, 1953 geboren, ist Professor für Ökonomie und Finanzwissenschaft an der University of Western Sydney in Australien. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklung mathematischer Modelle nach der Hypothese der Finanziellen Instabilität von Minsky. Die moderne neoklassische Ökonomie kritisiert er als inkonsistent, unwissenschaftlich und empirisch nicht unterstützt. Abgesehen von Minsky und John M. Keynes, gehören zu den wichtigsten Einflüssen auf Keens ökonomisches Denken Irving Fischer, Joseph A. Schumpeter, Piero Sraffa und Francois Quesnay. Im Jahr 2001 erschien sein höchst empfehlenswertes Buch "Debunking Economics: The Naked Emperor of the Social Sciences“, das 2011 noch einmal erweitert und umfassend überarbeitet veröffentlich wurde (siehe: http://debunkingeconomics.com/). Im Jahr 2009 erhielt Keen den "Revere Award for Economics" vom "Real World Economics Review" für die Vorhersage der Finanzkrise, bevor diese eintrat. Seine persönliche Website ist zu finden unter: www.debtdeflation.com/blogs.

Über die Finanzielle Instabilität nach Hyman P. Minsky
Von Steve Keen, Übersetzung Lars Schall

Teil 1: Die Instabilität ist womöglich nicht optional
(Original: Instability may not be optional, hier veröffentlicht auf Business Spectator)

Der Sydney Morning Herald-Berichterstatter Gareth Hutchens kommentierte, dass die Rogoff- und Reinhart-Affäre zeige, wie langsam Ökonomen erkennen, dass ihre Daten möglicherweise unzuverlässig sind; meiner Meinung nach ist das aber unbedeutend im Vergleich dazu, wie langsam sie erkennen, dass ihre Theorien sogar noch unzuverlässiger sind.

Ein bestimmendes Merkmal der ökonomischen Mainstream-Modellierung ist die Überzeugung, dass die Wirtschaft stabil ist: eine jede Störung wird schlussendlich zu einem Zustand ruhigen Wachstums zurückzukehren. Mainstream-Vertreter streiten darüber, wie schnell dies geschehen wird: Chicago/Freshwater /New Classicals argumentieren, dass sie sich sofort anpasst, während Saltwalter/New Keynesians sagen, dass dies aufgrund der "Friktionen" in den Anpassungsprozessen der Wirtschaft Zeit benötigt. Beide aber nehmen die angeborene Stabilität der Wirtschaft als selbstverständlich an, und dieser Glaube ist in ihren mathematischen Modellen fest kodiert.

Diese Stabilität wird ebenso als eine gute Sache angesehen - so sehr, dass alles, was sie zu erreichen hindert, entfernt werden sollte. Sie streiten politische Maßnahmen in einer Krise wie der derzeitigen auf der Welt, wobei New Classicals ins “Österreichische“-Lager fallen, während New Keynesians Konjunkturprogramme bevorzugen, und doch sprechen sie sich fast unisono zugunsten der Beseitigung von Monopolen, der Reduzierung der Macht der Gewerkschaften, und der Deregulierung der Finanzwirtschaft aus – oder taten es, bevor die Finanzkrise daherkam.

Man würde denken, dass nach einem störenden Ereignis wie der Großen Rezession – und lassen Sie uns diese nennen, was sie jetzt ist, namentlich die Zweite (oder vielleicht Dritte) Große Depression in Europa –, dass dieser Glaube an die angeborene Stabilität des Kapitalismus vom Mainstream zumindest überdacht werden könnte. Gleichwohl sie aber bereit sind, an den Kanten herumzubasteln, bleibt ihre Kern-Vision von der Wirtschaft, die sich entweder im oder in der Nähe vom stabilen Gleichgewicht befindet, ein unangefochtenes Mantra.

Ich entstamme einer anderen Tradition, welche die Wirtschaft als inhärent instabil ansieht und diese Instabilität sowohl als kreativ wie auch als destruktiv begreift. Schumpeter gab uns berühmterweise den Begriff “kreative Zerstörung", um den Prozess, durch den der Kapitalismus neue Produkte und neue Institutionen entwickelt, zu beschreiben, und meine Arbeit baut auf seiner und die seines berühmtesten Schülers, Hyman Minsky, auf.

Hier gibt es ebenfalls ein bisschen so etwas wie eine "Freshwater (Süßwasser) vs Saltwater (Salzwasser)“-Trennung, da sich Schumpeter auf den industriellen und unternehmerischen Prozess fokussierte - was man vielleicht Main Street-Kapitalismus nennen könnte –, wohingegen Minsky sich auf den Wall Street-Kapitalismus konzentrierte. Im letzteren Fall kann die Instabilität rein destruktiv sein, da erfinderische Finanziers Möglichkeiten finden, angeborene Schneeballsysteme als gute Investitionen darzustellen, um am Ende die Öffentlichkeit zu schröpfen, während sie Finanzkrisen heraufbeschwören.

Minskys berühmtester Satz an dieser Front wird häufig in drei Worten umschrieben: "Stabilität ist destabilisierend." (Der vollständige Satz lautete: "Stabilität – oder Ruhe – in einer Welt mit einer zyklischen Vergangenheit und mit kapitalistischen Finanzinstituten ist destabilisierend.") Ich denke jedoch, dass es eine bessere (wenn auch längere) Passage gibt, die den wahren Geschmack von Minskys Perspektive widergibt. Er stellte fest, dass in der "Chicago-Sicht" des Kapitalismus ein Finanzsystem bestünde, "das ernste finanzielle Störungen unmöglich machen würde. Es ist die Aufgabe der monetären Analyse, ein solches Finanzsystem zu entwerfen, und die der Geldpolitik, den Entwurf ausführen..."

Er erklärte sodann seine alternative Sicht – und ich habe die Schlüssel-Propositionen hervorgehoben:
"Die alternative polare Ansicht, die ich unveränderlich keynesianisch nenne, ist, dass der Kapitalismus inhärent fehlerhaft, anfällig für Booms, Krisen und Depressionen ist. Diese Instabilität, aus meiner Sicht, liegt an den Eigenschaften, die das Finanzsystem besitzt, wenn es sich im Einklang mit voll ausgebildetem Kapitalismus befindet. Solch ein Finanzsystem wird in der Lage sein, sowohl Signale zu erzeugen, einen beschleunigten Wunsch zum Investieren hervorzurufen, als auch die Finanzierung dieser beschleunigten Investitionen."

Das ist eine starke Aussage: Der Kapitalismus ist von vornherein problematisch, und dies ist wegen der Besonderheiten so, die das Finanzsystem haben muss: die Ursachen der Instabilität sind kein “optionales Extra“, das eine sorgfältige Regulierung oder ein institutionelles Design beseitigen könnte. Ein beredter Befürworter dieser Ansicht ist Venture Capitalist und INET-Co-Sponsor Bill Janeway, der in seinem Buch Doing Capitalism in the Innovation Economy vorbringt, dass "die Innovationswirtschaft durch Finanzspekulationen angetrieben wird", und dies ist Teil des kreativen Prozesses des Kapitalismus. "Gelegentlich und entscheidend ist das Objekt der Spekulation die finanzielle Repräsentation einer jener fundamentalen technologischen Innovationen - Kanäle, Eisenbahnen, Elektrifizierung, Autos, Flugzeuge, Computer, Internet – deren Einsatz im großen Maßstab die Marktwirtschaft transformiert, in der Tat schafft sie eine "New Economy" aus den Trümmern der Spekulationsblase, die ihrer Geburt beiwohnte", sagt er.

Übereinstimmend mit Keynes viel verspotteter Begrifflichkeit der “Lebensgeister ("animal spirits"), argumentiert Janeway, dass die Innovation und der Umfang der Investitionen viel weniger wäre, wenn die schwindlig machende Aussichten enormen finanziellen Gewinns nicht da wäre, um die Gemüter sowohl der Innovatoren wie auch ihrer Finanziers zu blenden. Ersticken Sie diese Torheit, und Sie könnten womöglich den Kapitalismus selbst ersticken.

Das war auch die Essenz der Kommentare von Keynes zu den “animal spirits“: Geschäftsleute, sowohl Unternehmer als auch Finanziers, setzen auf Projekte und Glücksspiel-Vermögen aufgrund von Hoffnungen, die das rationale Kalkül weit übersteigen. Aber weil sie es tun, schreitet die Gesellschaft voran – zwar unregelmäßig und instabil, aber sie schreitet nichtsdestoweniger voran:
"Selbst abgesehen von der Instabilität aufgrund von Spekulationen gibt es die Instabilität aufgrund der Charakteristik der menschlichen Natur, dass ein großer Teil unserer Aktivitäten von spontanem positiven Optimismus statt von mathematischer Erwartung abhängt, sei es moralischer oder hedonistischer oder wirtschaftlicher Art. Wahrscheinlich die meisten unserer Entscheidungen, um etwas Positives zu tun, deren volle Konsequenzen über viele Tage gezogen werden, können nur als das Ergebnis der animal spirits genommen werden - eines spontanen Drangs zum Handeln anstatt zur Untätigkeit, und nicht als das Ergebnis von einem gewichteten Durchschnitt der quantitativen Vorteile multipliziert mit quantitativen Wahrscheinlichkeiten", sagte er.

Eine Unternehmung gibt nur vor, sich vor allem im Sinne der Aussagen im eigenen Prospekt zu betätigten, wie offen und aufrichtig auch immer. Nur ein wenig mehr als eine Expedition zum Südpol basiert es auf eine genaue Berechnung von Profiten, die kommen werden. Wenn also die Lebensgeister gedimmt werden und der spontan Optimismus ins Stocken gerät, so dass wir von nichts anderem als von einer mathematischen Erwartung abhängig zurückgelassen werden, wird das Unternehmen dahinschwinden und sterben, gleichwohl die Angst vor Verlust eine Grundlage sein könnte, die nicht vernünftiger ist als es die Hoffnungen auf Gewinn zuvor gewesen waren.
"Es ist sicher, dass Unternehmen, die von Hoffnungen abhängen, die sich in die Zukunft dehnen, der Gemeinschaft als Ganzer nutzt. Aber Eigeninitiative ist nur ausreichend, wenn eine vernünftige Berechnung durch animal spirits ergänzt und unterstützt wird, so dass der Gedanke an den ultimative Verlust, der oftmals Pioniere einholt, wie ihre Erfahrung zweifellos uns und ihnen lehrte, verdrängt wird, so wie ein gesunder Mann die Erwartung des Todes verdrängt (Hervorhebung hinzugefügt)."

Ich habe die Bedeutung dessen in meiner eigenen Reaktionen auf die Wirtschaftskrise eher heruntergespielt, und auch bei meinen Vorschlägen für Reformen. Ich habe argumentiert, wenn wir die Tendenz des Finanzenbereichs, Spekulationsblasen zu erzeugen, zähmen könnten, ohne ausreichend zu berücksichtigen, ob diese Blasen manchmal einen lohnenden Überrest hinterlassen, wenn der Staub sich gelegt hat, dass dies sicher der Fall war mit der Internet-Blase der 1990er Jahre bis Anfang der 2000er Jahre: zahllos vergebliche Ventures sind unternommen worden (erinnern Sie sich an Pets.com?) und viel zu viel Schulden wurden generiert. Aber die Folge war die Entwicklung einer "Datenautobahn", die sich nur wenige von uns ohnedem heute vorstellen könnten.

Ich glaube immer noch, dass der Kapitalismus seine Dynamik behalten würde, selbst wenn wir einen institutionellen Rahmen für Banken entwickelten, der sie an der Finanzierung von Schneeballsystem in Immobilien stoppte. Aber jetzt bin ich eher dazu geneigt, Blasen in Finanzmärkten als möglicherweise notwendigen Preis für Innovation zu behandeln.

Ein Teil dieses Stimmungsumschwungs ist das Ergebnis der jüngsten Modellierung, die ich als Teil einer Präsentation auf einem Personal-Seminar beim australischen Finanzministerium unternahm. Dies werde ich in meiner zweiten Fortsetzungsfolge diskutieren.

Teil 2: Wenn die Stabilität hops geht

(Original: When stability goes belly up, hier veröffentlicht auf Business Spectator)

Wie ich in meinem vorherigen Beitrag erwähnte, machte es die neoklassische Ökonomie zu einem Element des Glaubens, dass der Kapitalismus inhärent stabil sei, und wies Argumente für das Gegenteil als nichts anderes als linke Propaganda zurück. Mein Lieblings-Statement dieser Perspektive kam aus der Feder von Nobelpreisträger Ed Prescott, der als einer der wichtigsten Akteure bei der Einführung des Konzepts der "rationalen Erwartungen" in den Wirtschaftswissenschaften war. Nicht nur, dass der Kapitalismus in sich stabil sei, behauptete er im Jahr 1999, sondern er sei so stabil, dass wir verlässlich erwarten, dass die Wirtschaft zu einem konstanten Wachstumspfad übergeht, bei dem sich der Lebensstandard alle 40 Jahre verdoppelt. Marx und seinesgleichen lagen einfach falsch:
"Die Marx‘sche Ansicht ist, dass die kapitalistische Wirtschaft inhärent instabil ist, und dass eine übermäßige Ansammlung von Kapital zu zunehmend schwereren Wirtschaftskrisen führen wird", sagte Prescott. "Die Wachstumstheorie, die sich als empirisch bewährt hat, besagt, dass das nicht wahr ist. Die kapitalistische Wirtschaft ist stabil, und abwesend einiger Veränderungen in der Technologie oder den Regeln des ökonomischen Spiels, konvergiert die Wirtschaft auf einen konstanten Wachstumspfad, auf dem sich der Lebensstandard alle 40 Jahre verdoppelt."

Ungefähr 15 Jahre später, nach der Dot.com-Blase und deren Platzen und der Subprime-Blase und deren Platzen, und der scheinbar nie endenden "Großen Rezession", die in den USA und Europa die zweite Große Depression ist, sieht das alternative Argument, wonach der Kapitalismus in der Tat inhärent instabil ist, etwas besser aus als die panglossianische Vision Prescotts.

Damit soll nicht gesagt sein, dass die Instabilität ist immer eine schlechte Sache ist: für Schumpeter (und österreichische Ökonomen) ist Instabilität ein wesentlicher Teil des kreativen Prozesses des Kapitalismus. Seine dunkle Seite, auf die sich Minsky konzentrierte, war die Tendenz dieser Instabilität, dass sie gen Überschuldung und letztlich zu einer Depression führt.

Obwohl dies einige Leute überraschen könnte, stand ich hierbei tendenziell näher bei Schumpeter als bei Minsky. Minsky argumentiert, dass die destruktive Instabilität endemisch im Kapitalismus sei, genau so sehr, wie es die kreative Instabilität sei, weil Finanzen unbedingt destabilisierend sein müssten. Ich habe stattdessen eher argumentiert, dass die destruktiven Tendenzen der Finanzen zutage treten, weil wir die Banken Schneeballsysteme finanzieren lassen – Blasen in Immobilien und Aktien –, die Schulden hinzuzufügen, ohne etwas zur Fähigkeit der Gesellschaft hinzuzufügen, diese Schulden zu finanzieren. Beseitigen Sie diese Tendenz, habe ich argumentiert, und die zerstörerische Seite der Finanzen könnte gezähmt werden.

Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher – dank einer Modellierung, die ich vor kurzem als ein Vorspiel zu einer Personalseminar-Präsentation beim australischen Finanzministerium letzte Woche durchgeführt habe.

Dies war meine zweite Einladung zu einer Präsentation vor einen Finanzministeriumspublikum – die bisherige Erfahrung war im vergangenen Jahr in Neuseeland. Das war ein Treffen auf hoher Ebene: Ich war durch den Sekretär der Abteilung eingeladen worden, und es gab die Hoffnung, dass dies zu einem gemeinsamen Projekt für ein Währungs-, von Minsky inspiriertes Modell für das neuseeländische Finanzministerium führen würde.

Diese Hoffnung wurde durch die Ökonomen des Finanzministeriums, die (mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen) feindlich gegenüber allem anderen als der neoklassischen ökonomischen Modellierung eingestellt waren, selbst zum Scheitern gebracht. Es spielte keine Rolle, so schien es, dass neoklassische Modelle die Wirtschaftskrise von 2007-08 völlig übersehen und stattdessen prognostiziert hatten, dass ruhige wirtschaftliche Zeiten vor uns lägen. Man optimiere die Modelle einfach ein wenig und wir können die Krise simulieren, nachdem sie passiert ist, was ist also das Problem...

In Anbetracht dieser bisherigen Erfahrungen bereitete ich mich darauf vor, einer Reihe falscher Einwände gegen meine Modellierung zu begegnen, mit denen in Neuseeland herumgeworfen worden war. Einer war insbesondere die Behauptung, dass die Instabilität, die meine Modelle anzeigten, einfach ein Nebenprodukt der exponentielle Funktionen sei, die ich verwendete, um das Verhalten von Arbeitern und Kapitalisten zu simulieren. Entfernen Sie sie diese, wurde mir gesagt, und die Instabilität wird verschwinden.

Ich wusste, dass dies ein mathematisch falscher Einwand war: Wenn ein Modell ein instabiles Gleichgewicht mit Exponentialfunktionen hat, wird es linearen ebenfalls instabil sein. Aber wenn Sie mit wahren Gläubigen in einem falschen Paradigma streiten, sagen Sie ihnen einfach, dass es ein mathematischen Satz gibt, der sie als falschliegend erweist, es wird nicht schneiden: Sie müssen es ihnen zeigen (und auch das könnte nicht funktionieren, aber es ist einen Versuch wert).

So tat ich etwas, was ich noch nie zuvor für mein Finanzministeriumspublikum getan habe: Ich baute meine Minsky-Modelle mit streng lineare Funktionen um. Obwohl dies zu unrealistisch großen Zyklen führte, als ich Simulationen laufen ließ, machte es viel einfacher für mich, einige einfache Erforschung der Eigenschaften meines Modells durchzuführen - und das führte zur Überraschung, auf die ich hinführe.

Meine Minsky-Modelle selbst sind auf der Grundlage eines Modells von Richard Goodwin aus den 1960er Jahren (Goodwin 1967) aufgebaut, und seine Inspiration kam von einem verbalen Modell, das genau ein Jahrhundert zuvor von keinem anderen als ... Karl Marx entwickelt worden war (Marx 1867 K. 25 Abs. 1). Der große Reiz dieses Modells war für mich, dass in einem "Nehmen wir an, wir haben eine Dosenöffner'-beladenen Disziplin, Goodwins Modell so nah an Annahme-freier Argumentation war, wie man kommen konnte.

Ausgehend von der Spitze braucht man zur Produktion wirtschaftlicher Leistung Fabriken, und Fabriken können nicht ohne die Einstellung von Arbeitnehmern produzieren. Die Beschäftigung beeinflusst Befähigung des Arbeitnehmers, Lohnerhöhungen zu erhalten, und der Gewinn ist im Grunde, was übrig bleibt, nachdem die Löhne bezahlt wurden. Kapitalisten investieren dann, indem sie den Gewinn verwenden, und diese Investitionen bestimmen, ob sich die Anzahl der Fabriken erhöht (wegen der Bruttoinvestitionen) oder fällt (wegen der Abschreibungen).

Das ist es: wenn Sie dieser verbalen Logik folgen, dann verstehen Sie das Goodwin-Modell (und sogar Marxens Prosa!). Um es in ein mathematisches Modell zu verwandeln, nahm Goodwin die einfachsten möglichen Beziehungen zwischen jeder Kette in dieser kausalen Schleife an: dass jede Beziehung einfach linear war. Ausgangspunkt war eine Konstante mal die Höhe des Kapitals, die Arbeitnehmerlöhne waren eine Konstante wie viel sich die Beschäftigungsquote von gewissen Schwellenwert unterschied, und so weiter. Natürlich sind die tatsächlichen Verhältnisse in der realen Welt sehr komplex und ändern sich im Laufe der Zeit, aber das war teilweise Goodwins Standpunkt (und der von mir): wenn selbst schon ein einfaches Modell wie dieses instabil war, dann würde die reale Welt wahrscheinlich noch instabiler sein.

Natürlich könnte man nicht viel an Vorteil aus einem so einfachen Modell erwarten - und man läge falsch. Trotz seiner Einfachheit erzeugt das Modell anhaltende Zyklen: sein Gleichgewicht ist instabil (oder technisch gesprochen, neutral) - und nicht mit einer exponentiellen Funktion in Sicht (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Goodwins Modell - endemische Zyklen





Stattdessen treten Zyklen auf, weil die Lohnkosten - die Großbuchstaben Wat am unteren Teil von Abbildung 1 - gleich dem Lohnsatz (w) sind, von der Zahl der Beschäftigten (L) multipliziert. Die Multiplikation zweier Variablen zusammen ergibt eine inhärente Nichtlinearität, und dies ist das, was die Zyklen antreibt.

Wenn Löhne und Beschäftigung gleichsam steigen - was passiert, wie Sie an dem linken Plot in Abbildung 1 (während der ersten drei Jahre) ersehen können –, steigt das Produkt noch schneller, in die Gewinne hineinschneidend und die Investitionen verringernd. Dies wiederum bremst das Wirtschaftswachstum aus, was sich zunächst in einem Rückgang der Beschäftigung, und dann in sinkenden Löhnen ausdrückt (von dem fünften bis achten Jahr Abbildung 1). Dadurch werden die Gewinne wiederhergestellt, was zu mehr Investitionen und einem weiteren Zyklus spült: ausspülen und wiederholen, ohne sich jemals einem Gleichgewicht zu nähern.

Ich baute mein Minsky-Modell durch das Hinzufügen von ein wenig Realität. In Goodwins einfachem Modell werden alle Gewinne investiert, aber in der realen Welt investieren Unternehmen während einer Krise weniger als die Gewinne, aber mehr als die Gewinne während eines Booms –
und Bankdarlehen liefern die zusätzlichen Einnahmen für Investitionen oberhalb der Gewinne, Zinsen auf die angehäuften Schulden für diesen Dienst berechnend.

Das erforderte sowohl eine Investitions-Funktion – eine Beziehung zwischen der Rate des Profits und der Höhe der Investitionen – als auch einen Bankensektor. In meinen veröffentlichten Studien habe ich immer eine exponentielle Form der Investitions-Profite-Beziehung verwendet, aber für das Finanzministerium – falls ich das gleiche neoklassischen Zurückdrängen abbekommen sollte, das ich in Neuseeland im vergangenen Jahr abbekam – nahm ich eine lineare. Das führte zu dem Modell, das in Abbildung 2 gezeigt wird (die Investitions-und Banking-Funktionen sind in der unteren linken Ecke des Diagramms hinzugefügt).

Und siehe da: Chaos - und ohne eine exponentielle Funktion in Sicht. Würde ich die gleiche Art von neoklassischem Zurückdrängen in Canberra erfahren, die ich in Wellington erlebte, hatte ich einen Neueinstieg.

Abbildung 2: Goodwin zzgl. Banken gleich ... Chaos



Wie es so kam, brauchte ich mich nicht zu sorgen. Ich hatte ein aufmerksames und freundliches Publikum in Canberra, und der falsche “das passiert nur wegen Ihrer Exponentialfunktionen“-Einwand trat erst gar nicht auf.

Aber jetzt hatte ich eine Version meines Minsky-Modells mit linearen Funktionen, und das machte etwas leicht, das sehr schwierig mit non-linearen Funktionen getan werden kann: die allgemeine Stabilität des Modells ausarbeiten.

Die einfachste Metrik der Stabilität beginnt mit dem Modell in einem Gleichgewicht, drückt es einen winzigen Bruchteil fort und arbeitet heraus, ob es zum Gleichgewicht zurückkehrt oder nicht. Wenn ein Schlüssel-Wert (bekannt unter dem deutschen Namen, der einfach "innerer Wert" / “inherent value” bedeutet) negativ ist, ist das Gleichgewicht stabil, wenn er positiv ist, ist das Gleichgewicht instabil.

Dieses Modell verfügt über zwei Gleichgewichte: ein "gutes" mit einem positiven Anteil der Arbeitnehmer an der Wirtschaftsleistung, positive Beschäftigungseffekte und endlichen Schulden, und ein "schlechtes" mit null Arbeitnehmeranteil, null Beschäftigung und unendliche Schulden - das wirtschaftliche Äquivalent zu einem gravitativen Schwarzen Loch.

Ich wusste bereits, dass die schlechte Gleichgewicht unbedingt stabil war: wenn man dort startet, gibt es kein Entkommen. Ich erwartete, dass das Modell der Stabilität um seinem "guten Gleichgewicht" herum nicht absolut sein würde: dass es einige Parameterwerte (Zinssatz, Reaktion der Arbeitnehmer vor Arbeitslosigkeit usw.) und einige Anfangsbedingungen (anfängliche Verschuldung, anfängliche Anstellungen etc.) gäbe, für die das Gleichgewicht stabil war, und andere, für die es instabil war.

Hier ist, wo mich meine Überraschung überkam. Ich hatte mich geirrt: das "gute" Gleichgewicht schien unbedingt instabil zu sein. Wenn das Modell in geringer Entfernung vom Gleichgewicht beginnt, wird es immer weiter auseinander gehen, bis es schließlich ins "schlechte" Gleichgewicht fällt.

Die Implikation, die dies für die reale Welt hat, ist, dass Schuldenkrisen, ebenso wie die Instabilität selbst, vielleicht kein optionales Extra sind. Selbst mit nichts anderem als verantwortlichen 'Schumpter"-Finanzen wird eine Schuldenkrise letztendlich auftreten – es sei denn, wir finden einen Mechanismus, um die Höhe der aufgelaufenen Schulden zu reduzieren.

Ein solches Verfahren ist natürlich die Inflation - die in diesem einfachen Modell nicht berücksichtigt ist. Die Gläubigen der inhärenten Stabilität des freien Markts behaupten oftmals, dass die Preise des Kapitalismus große Gleichmacher sind: der Marktmechanismus und die Preise werden alle Probleme, auf die der Kapitalismus trifft, lösen, und der Grund, warum Kritiker wie ich falsch liegen, ist der, dass wir nicht den Preismechanismus berücksichtigen. Ich werde auf dieses Thema in meiner nächsten Fortsetzung zur Instabilität zurückkommen.

Teil 3: Verführerische Supermodelle von Angebot und Nachfrage

(Original: Seductive supermodels of supply and demand, hier veröffentlicht auf Business Spectator)

Eine der vielen Spaltungen in den Wirtschaftswissenschaften besteht zwischen Ökonomen - neuen und alten –, die glauben, dass die Preise durch Angebot und Nachfrage festgelegt werden, und Ökonomen – ebenfalls neue und alte –, die glauben, dass sie durch einen Aufschlag auf die Produktionskosten festgelegt werden.

Das erste Argument ist heutzutage der überwältigende Favorit, aber vor zwei Jahrhunderten war es die Minderheitenansicht. Obwohl moderne " neoklassische" Ökonomen es gewohnt sind, Adam Smith als einen der ihren zu beanspruchen, leugnete er ihre bevorzugtes 'Angebot und Nachfrage'-Preismodell, um zu argumentieren, dass Produkte sich zu Preisen austauschen, die in Bezug zu den relativen Kosten der Produktion stehen.
"Wenn es beispielsweise unter einem Volk von Jägern in der Regel zweimal die Arbeitsleistung kostet, um einen Biber zu töten, als man braucht, um einen Hirsch zu töten , sollte ein Biber natürlich im Austausch zwei Rehe wert sein. Es ist natürlich, dass das, was in der Regel das Produkt von zwei Tagen bis zwei Stunden Arbeit ist, doppelt so viel wert sein sollte, wie in der Regel das Produkt von einem Tag oder einer Stunde Arbeit", sagte er.

Smith erlaubte Abweichungen oberhalb und unterhalb dieses " natürlichen Preises" eines Produkts auf den Unterschieden zwischen Angebot und " wirksamer Nachfrage" gründend, aber das Gravitationszentrum, das der natürliche Preis repräsentierte, war der Kern seiner Theorie. Das gleiche traf auf David Ricardo zu, während das alternative Argument, das jeden Schwerpunkt mied und Preise als von einem gleichen Zusammenspiel von Nachfrage zusammen mit dem Angebot betrachtete, bewohnt die Unterwelt der Ökonomie in den Händen solcher Nebenfiguren wie Jean-Baptiste Say und Augustin Cournot. Die klassischen Ökonomen, die Smith und Ricardo zu Recht genannt werden, wiesen die täglichen Bewegungen von Angebot und Nachfrage als von untergeordneter Bedeutung für die Bestimmung der natürlichen Preise im Vergleich zu den relativen Kosten der Produktion zurück.

All dies änderte sich, als sich der Mantel der klassischen Ökonomie von den pro-kapitalistischen Smith und Ricardo hin zu den vielen ' Ricardianischen Sozialisten' und letztlich zu Karl Marx verschob.

Marx verfestigte (manche würden sagen verknöcherte) den Fokus der klassischen Schule auf die Arbeit als das ultimative Entscheidungsspiel der Preise, ihn von der einfachen Bestimmung des relativen Preises von Bibern und Hirschen wie in Smiths Beispiel zur Erklärung der Quelle des Profits erhebend. Marx wies Erklärungen des Gewinns zurück, die auf " billig kaufen und teuer verkaufen" basierten, und argumentiert stattdessen, dass der Gewinn aus Inputs resultierten, die zu ihrem Wert gekauft und verkauft werden:
“Um die allgemeine Natur der Gewinne zu erklären, muss man deshalb von dem Theorem aus beginnen, dass Waren im Durchschnitt zu ihren wirklichen Werten verkauft werden, und dass die Gewinne durch den Verkauf von ihnen zu ihren Werten abgeleitet werden, das heißt, im Verhältnis zu der Menge der Arbeit, die in ihnen realisiert wurde. Wenn man den Gewinn nicht unter dieser Voraussetzung erklären kann, kann man ihn gar nicht erklären", sagte Marx.

Seine Erklärung für dieses scheinbare Paradoxon war, dass der Wert der Arbeitskraft einem Existenzminimum entspräche - und es könnte 6 Stunden pro Tag brauchen, um diese Rohstoffe zu produzieren -, aber dann könnte der Arbeitnehmer auf 12 Stunden Arbeit pro Tag festgelegt werden. Die Lücke zwischen beidem war die Quelle des Profits.

Marx argumentiert, dass dies angesichts der Natur des Kapitalismus durchweg fair sei:
"Der Umstand , dass die tägliche Nahrung der Arbeitskraft auf der einen Seite nur einen halben Tag Arbeit kostet, während die genau gleich Arbeitskraft auf der anderen Seite einen ganzen Tag arbeiten kann, und dass folglich der Wert, der während eines Tages, an dem geschafft wird, zur Verwendung kommt, das Doppelte von dem ist, was er zu dieser Verwendung bezahlt, dieser Umstand ist ohne Zweifel ein Stück Glück für den Käufer, aber keineswegs eine Verletzung an den Verkäufer", sagte er.

Aber natürlich war dieses Verständnis, dass der Gewinn aus dem Arbeiter genommen wurde, ein wichtiger Teil der radikalen Anziehungskraft von Marx während einer wirklich revolutionären Zeitspanne in Europa - und höflich Ökonomen wandten sich schnell von der klassischen Schule ab (unterstützt durch verschiedene technische Rätsel mit Marxens Logik, die ich ein anderes Mal erörtern werde). Die neoklassische Schule, in welcher der Preis durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage erstellt wird, stieg in den Vordergrund in den Händen von Leon Walras, William Stanley Jevons und Alfred Marshall. Marshall insbesondere untergrub die klassische Schule in der populären Gedankenwelt mit dem eindrucksvollen Bild von Angebot und Nachfrage als " Klingen einer Schere", die beide notwendig seien, um den Preis zu ermitteln:
"Wir könnten genauso gut vernünftigerweise darum streiten, ob es die obere oder die untere Klinge einer Schere ist, die ein Stück Papier schneidet, ob der Wert durch den Nutzen oder die Herstellungskosten bestimmt wird."

Heutzutage ist die neoklassische Schule so dominant – (selbst nach der Finanzkrise, die sie nicht vorausgesehen hat), dass ihre Mitglieder nicht einmal wissen, dass andere Denkschulen existieren – man beachte beispielsweise diese Tirade von John Cochrane, der sich darüber beklagte, dass 'Freshwater‘- Ökonomen wie " Lucas, Sargent, Sims, Prescott und all ihre vielen Nachkommen" nicht auf die IWF-Konferenz zum Thema " Makro-Politik umdenken" ("Rethinking Macro Policy") geladen waren. Auch waren es nicht post-keynesianische Ökonomen wie ich, Stephanie Kelton, Randall Wray, Michael Hudson und so weiter (obwohl wir sehen die Krise vorausgesehen hatten) . Neoklassiker von Cochrane bis zu Paul Krugman sind überhaupt nicht erstaunt, dass Außenstehende wie wir ausgeschlossen sind, weil für sie neoklassischen Ökonomie Ökonomie ist: sie würden nicht einmal wissen, dass nicht- neoklassischen Ökonomen existieren (gut, außer dass ich dazu neige, sie von Zeit zu Zeit zu ärgern).

Die neoklassische Auffassung, dass "Angebot und Nachfrage die Preise festlegen", ist ebenfalls so tief verwurzelt in der Gesellschaft, dass, wie Paul Keating einmal sagte selbst Kakadus davon sprechen. Aber die klassische Ansicht, dass ein Aufschlag auf die Kosten den Preis festsetzt, ist immer noch lebendig in der post-keynesianischen Schule – und ihre Ansichten beruhen auf fundierten empirischen Forschungen. Es stellt sich heraus, wenn Sie Unternehmen fragen, wie sie ihre Preise tatsächlich festlegen, dass die überwiegende Mehrheit Ihnen sagen wird, dass sie über einen Aufschlag auf die Kosten festgelegt werden - und dass eine der wichtigsten Voraussetzungen für die 'Angebot und Nachfrage setzen die Preise fest‘-Theorie in der Realität einfach nicht hält.

Ein wichtiger Aspekt von Marshalls Schere war, wenn die Nachfrage stieg, so stieg auch der Preis. Die Ursache für den Anstieg war nicht eine Erhöhung der Gewinnspanne, sondern eine Erhöhung der Kosten: jede weitere produzierte Einheit würde teurer als die andere sein, was Ökonomen – mit ihrer brillanten Geläufigkeit mit der Sprache – als " abnehmende Grenzproduktivität" nannten. Das Argument war, um immer mehr Leistung aus einer Fabrik herauszubekommen, mussten mehr "variable Faktoren der Produktion " (lese: "Arbeitnehmer") der gleichen Menge an "fixen Produktionsfaktoren " (lese: "Maschine") hinzugefügt werden. Nach dem ein ideales Arbeiter zu Maschinen-Verhältnis erreicht sein würde, würde die Produktivität jedes zusätzliche Arbeiter weniger als früher sein, was in weniger Produktion je Beschäftigten resultierte und - bei konstantem Lohn – zu steigende Kosten pro ausgegebener Einheit.

Es ist eine nette Theorie, aber wenn die Realität etwas zu bestimmen hätte, würde ihr das widerfahren, was Thomas Huxley als "Die große Tragödie der Wissenschaft – das Erschlagen einer schönen Hypothese durch eine hässliche Tatsache" bezeichnete. Über 150 empirische Studien seit den frühen 1930er Jahren haben herausgefunden, dass mindestens 90 Prozent der Unternehmen nicht von steigenden Kosten aufgrund steigenden Outputs konfrontiert werden – und in der Tat fallen für die Mehrheit der Unternehmen die Stückkosten mit zunehmender Produktion.

Die letzte Person, die dieses besondere Rad entdeckte, war kein anderer als Alan Blinder ,, ein einmaliger stellvertretender Vorsitzender der Federal Reserve. Er unternahm eine große Umfrage der amerikanischen Wirtschaft, um herauszufinden, warum die Preise vielleicht "klebrig" (“sticky“) seien, was ein wesentlicher Teil der "neu-keynesianischen" Erklärung für Arbeitslosigkeit ist. Als Teil dessen wies er seine Doktoranden-Interviewer an, herauszufinden, welche Kosten es für das durchschnittliche amerikanische Unternehmen gab - und er erwartete, die standardmäßig " “ansteigende" Angebotskurve zu bestätigen.

Tatsächlich wurde ihr von seiner empirischen Forschung widersprochen. Zu seinem Erstaunen fand er, dass fast 90 Prozent seiner Probanden berichteten, dass ihre Stückkosten entweder konstant blieben oder fielen, wenn der Output wuchs.

"Die überwältigend schlechten Nachrichten sind hier (für die ökonomische Theorie), dass offenbar nur 11 Prozent des BIP unter Bedingungen steigender Grenzkosten produziert werden...", schrieb Blinder im Jahr 1998.
"Die Firmen berichten, dass sie sehr hohe Fixkosten haben – durchschnittlich etwa 40 Prozent der gesamten Kosten. Und viele weitere Unternehmen geben an, dass sie eher fallende, statt steigende Grenzkostenkurven haben. Zwar gibt es Gründe, sich zu fragen, ob die Befragten diese Fragen über die Kosten richtig interpretiert haben, aber ihre Antworten malen ein Bild von der Kostenstruktur des typischen Firma, das sehr verschieden von dem ist, das in den Lehrbüchern verewigt wurde."

Der Grund, weshalb sich die Realität der Theorie zu folgen weigert, ist der, dass die meisten Waren in Fabriken produziert werden, die Ingenieure entwickelten, um mit maximaler Effizienz zu arbeiten, wenn sie in der Nähe der vollen Kapazität sind. Anstatt dass die Effizienz also fällt, wenn der Output steigt, neigt sie dazu, zu steigen: es ist billiger, jede Einheit des Outputs in einem beschäftigten Werk zu produzieren, als in einem, das müßig läuft.

Diese empirische Tatsache ist der ökonomischen Theorie überhaupt nicht in die Quere gekommen – wie jedes aktuelle oder vergangene Opfer eines VWL-Studiums bezeugen kann. Aber sie scheint den Fall zu Gunsten der Klassiker für die reale Welt zu entscheiden: die Preise müssen durch einen Aufschlag auf die Kosten gesetzt werden, anstatt durch die "Zwillingsklingen" aus Angebot und Nachfrage.

Das ist die Meinung, die ich hatte, bis ein entscheidender Schritt bei der Verallgemeinerung meines Modells von Minskys Hypothese der finanziellen Instabilität implizierte, dass die beiden Modelle auf der Makroebene identisch sind. Ich werde darauf – und auf die Rolle der Preise während wirtschaftlicher Instabilität – in der nächsten Fortsetzung in dieser Serie zurückkommen.

Teil 4: Die Ruhe vor dem tödlichen Schuldensturm

(Original: Calm before a deathly debt storm, hier veröffentlicht auf Business Spectator)

Konventionelle Ökonomen wie Ben Bernanke wurden durch die niedrige Volatilität vor der Finanzkrise ausgetrickst. Aber eine Zeit der Ruhe ist normal, bevor eine Wirtschaft in einen tückischen Strudel der Schulden hineingesaugt wird.

Im Jahr 1992 baute ich ein Modell von Minskys “finanzieller Instabilitäts-Hypothese", das den Schulden induzierten Zusammenbruch simulierte, von dem er argumentierte, dass er in einer kapitalistischen Wirtschaft passieren könne. Aber es hatte auch ein unerwartetes Merkmal: der Zusammenbruch folgte einer Periode der scheinbaren Stabilität. Anfängliche Volatilität wich einer Periode der Ruhe, die dann von zunehmender Volatilität und schließlich einem Zusammenbruch gefolgt wurde (siehe Abbildung 1: Die beiden Variablen sind die Beschäftigungsquote und die Lohnquote am BIP) :

Abbildung 1: Volatilität weicht Ruhe, nur um von Zusammenbruch abgelöst zu werden


(Abbildung 9 in Keen 1995)




Dies war keine Vorhersage von Minskys verbalem Modell der finanziellen Instabilität, es war das unerwartete Ergebnis eines mathematischen Modells. Aber das Phänomen der abnehmenden Volatilität, die zum Zusammenbruch führt, war so eigenartig, dass ich es in dem Papier hervorhob, das ich über das Modell schrieb (es wurde im Jahr 1995 veröffentlicht):
"Aus der Sicht der ökonomischen Theorie und Politik erfordert diese Vision von einer kapitalistischen Wirtschaft mit Finanzen von uns, über diese Gewohnheit des Geistes, die Keynes so gut beschrieben hat, hinaus zu gehen, das sich übermäßige Verlassen auf die (stabile) jüngere Vergangenheit als Hinweis auf die Zukunft. Die chaotische Dynamik, die in diesem Papie00r erkundet wurde, sollte uns davor warnen, eine Periode relativer Ruhe in einer kapitalistischen Wirtschaft als etwas anderes als eine Ruhe vor dem Sturm zu akzeptieren."

Der treibende Faktor in diesem Modell – und einer, die in allen gängigen neoklassischen ökonomischen Modellen weggelassen wird –, war das Verhältnis der privaten Verschuldung zum BIP. Diese dritte Dimension gab eine Perspektive auf die Dynamik hinter diesem Prozess – es zeigte, wie die Wirtschaft in einen Strudel aus steigenden Schulden gesaugt wird –, aber das Phänomen der scheinbar steigenden Ruhe, die von einem Zusammenbruch gefolgt wurde, blieb immer noch geheimnisvoll.

Abbildung 2: Ein steigender Strudel der Schulden. (Abbildung 8 in Keen 1995)



Das Muster passte gewiss nicht zu den Daten aus den Jahrzehnten bis 1992, welche die steigende Volatilität der Arbeitslosigkeit gewesen war – obwohl die Inflation aus der Wirtschaft durch Volckers himmelhohe Zinsen in den frühen 1980er Jahren herausgeschlagen worden war. Als ich das Modell entwickelte, stieg die US-Arbeitslosenquote weiter – wenn auch langsamer als in früheren Rezessionen – und es gab keine Garantie, dass sie nicht auf einem höheren Niveau als im Jahre 1983 ihren Höhepunkt erreichen würde (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Steigende Volatilität in der jüngsten Vergangenheit circa 1992



Wie es jedoch geschah, war Mitte 1992 der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit in einer Rezession, von der das US National Bureau of Economic Research später sagte, dass sie im März 1991 endete und von da an schien das Muster eine abnehmende Volatilität zu sein – bis die Wirtschaftskrise 2007 begann (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4: "The Great Moderation"



Konventionelle Ökonomen wie Ben Bernanke sahen dies als wunderbare Sache an, und er pries nicht nur das, was sie als 'The Great Moderation" bezeichneten, sondern schrieb sie sich sogar zugute – argumentierend, dass dies aufgrund der besseren Verwaltung der Geldpolitik so sei.

2004 sagte Bernanke:
"Die Ära der niedrigen Inflation der letzten zwei Jahrzehnte hat nicht nur signifikante Verbesserungen in Wirtschaftswachstum und Produktivität mit sich gebracht, sondern auch eine deutliche Reduzierung der wirtschaftlichen Volatilität, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch im Ausland, ein Phänomen, das “Die Große Moderation" genannt worden ist. Rezessionen sind seltener und milder geworden, und auch die von Quartal zu Quartal-Schwankungen in der Produktion und Beschäftigung ist ebenfalls deutlich zurückgegangen.

Die Quellen der Great Moderation bleiben etwas umstritten, aber wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, gibt es Beweise für die Ansicht, dass eine verbesserte Kontrolle der Inflation eine wichtige Maßnahme war, um zu dieser willkommenen Veränderung in der Wirtschaft beizutragen."

Meine Minskyianische Perspektive stimmte mich zu jener Zeit weniger optimistisch, vor allem, als ich Ende 2005 die Daten der Schulden im Verhältnis zum BIP diesem Bilde beifügte – und ich eine ziemlich durchwachsen Replik meines Minsky-Modells mich anstarren sah (siehe Abbildung 5; es sah 2005 nicht ganz so schlimm aus, weil ich damals keine Schuldenstanddaten des Finanzsektors hatte – welche dem Mix satte 100 Prozent des BIP an mehr Schulden hinzufügte. Aber die Trends in den Daten waren immer noch bedrohlich genug, um mich erwarten zu lassen, dass ein Schulden-Deflationskrise bevorstand, sowohl in den USA als auch in Australien – den beiden einzigen Ländern, für die ich damals Daten hatte).

Abbildung 5: Eine Schulden-Spirale mit sinkender Arbeitslosigkeit und Inflation



Das war es, was mich motivierte, mit Warnungen vor einer drohenden Wirtschaftskrise an die Öffentlichkeit zu gehen – zumal die dominierende neoklassische Sekte in den Wirtschaftswissenschaften munter Politiker auf der ganzen Welt berieten, dass die wirtschaftlichen Aussichten ausgezeichnet waren. Mein Allzeit-Favorit in dieser Richtung bleibt der OECD Economic Outlook,, der ebenfalls (in vorläufiger Form) im Mai 2007 veröffentlicht wurde. In einem Leitartikel mit dem Titel “Achieving Further Rebalancing“ beruhigte der Chefökonom seine Leser, dass die neoklassischen ökonomischen Modelle der OECD eine ruhige Zukunft voraussahen:

"In ihrem Economic Outlook letzten Herbst war die OECD der Auffassung, dass der Abschwung in den USA keine Zeit der weltweiten Konjunkturschwäche einläuten würde, anders als zum Beispiel im Jahr 2001", hieß es. Vielmehr stünde eine "reibungslose" Rebalancierung zu erwarten, bei dem Europa den Staffelstab von den Vereinigten Staaten beim Antreiben des OECD-Wachstums übernehmen würde.
"Die jüngsten Entwicklungen haben im Großen und Ganzen diese Prognose bestätigt. In der Tat ist die aktuelle wirtschaftliche Situation in vielerlei Hinsicht besser als das, was wir seit Jahren erlebt haben. Vor diesem Hintergrund halten wir an dem Rebalancierungs-Szenario fest. Unsere zentrale Prognose bleibt in der Tat recht gutartig: eine weiche Landung in den Vereinigten Staaten, eine starke und nachhaltige Erholung in Europa, ein solider Verlauf in Japan und lebhafte Aktivität in China und Indien. Im Einklang mit den jüngsten Trends würde ein nachhaltiges Wachstum in den OECD-Volkswirtschaften durch eine starke Schaffung von Arbeitsplätzen und sinkender Arbeitslosigkeit untermauert werden."

Es gab eine revisionistische Debatte über Twitter (siehe Abbildung 6) und der Blogosphäre in der letzten Zeit, ob ich und andere nicht-neoklassische Ökonomen (wie Wynne Godley, Michael Hudson und Ann Pettifor) eigentlich vor der Krise gewarnt hätten, ehe sie eintrat, und hier ist das, was ich über die zukünftigen Konjunkturaussichten im Mai 2007 zu sagen hatte (ca. 18 Monate, nachdem ich solche Warnungen abzugeben begann):
"Wie rechtfertige ich also die Haltung einer Kassandra? Weil die Dinge nicht normal weitergehen können, wenn normal eine nachhaltige Entwicklung bei den Schulden beinhaltet. Irgendwann muss es eine Pause geben – obwohl die Zeitpunktangabe, wann die Pause auftreten wird, fast unmöglich zu sagen ist, vor allem dann, wenn sie teilweise von den individuellen Entscheidungen, Geld auszuleihen, abhängt...

"Irgendwann müssen sich die Schulden im Verhältnis zum BIP stabilisieren – und auf bisherigen Trends gründend, wird bei der Stabilisierung nicht einfach aufhören. Wenn die unvermeidliche Umkehrung des Unhaltbaren auftritt, werden wir eine Rezession haben."

Abbildung 6: Twitter Kriege



Ich trieb auch die Bemühungen an, die vielen Mängel in diesem 1992er Model zu überwinden – vor allem die Tatsache, dass es eine Schuldenkrise, aber keine Schulden-Deflation erzeugen konnte, weil es keine Preisgestaltungsgleichung in sich hatte.

Diese Erweiterung richtig zu machen erforderte auch, dass man über ein Model mit Schulden, aber keinem Geld (das ist ähnlich in Sinne des DSGE-Models in Eggertsson und Krugman 2010) hin zu einem streng monetären Modell hinausging. Sobald ich das hatte, hatte ich das Dilemma, eine Gleichung dafür entwickeln zu müssen, wie Preise festgesetzt werden.

Wenn ich neoklassischen wäre, würde ich eine Annahme à la "Grenzkosten gleich Preis" (Süßwasser-Schule) oder "Grenzkosten gleich marginale Einnahmen" (Salzwasser-Schule) hier vorgenommen haben – die beide empirisch und logisch falsch sind. Als Post-Keynesianer hätte ich in eine “Mark-up pricing"-Gleichung vornehmen können, aber das fühlte sich wie eine Schummelei an; ich bevorzugte, die Preisgestaltungsgleichung aus dem Model selbst abzuleiten.

Hier fand ich mich in einer Zwickmühle wider. Die einzige Möglichkeit, in der ich das zu tun vermochte, war zu argumentieren, dass sich das Preisniveau unter dem Druck aus dem Fluss der monetären Nachfrage auf der einen Seite, und dem Druck des physischen Angebots auf der anderen anpassen würde. Dies ist nicht das gleiche wie das neoklassische Angebot und Nachfrage – das zu Unrecht davon ausgeht, dass die "Angebotskurve" durch (marginale) Kosten und die “Nachfragekurve" durch (marginale) Einnahmen gegeben ist, und das sich vorstellt, dass die Preise entweder durch ein zeitloses Gleichgewicht (Süßwasser Schule) oder eine Reibung verzögerter Konvergenz hin zu “Grenzkosten entsprechen marginalen Einnahmen" (Salzwasser Schule) festgelegt werden.

Aber nachdem ich vier Jahrzehnte gegen neoklassisches Denken angegangen bin, fühlte es sich wie eine Niederlage an, mit einem “Nehmen wir an, die Preise passen sich Angebot und Nachfrage an" zu starten. Ich erinnerte mich an Karl Marx ' Bemerkung über David Ricardo in diesem Punkt, als er vorbrachte, dass Ricardos "Arbeitstheorie des Werts" davon abhängig machte, dass der Preis der Arbeit durch Malthus' “Iron Law of Wages“ nach unten getrieben würde, so dass in diesem Gleichgewicht die Arbeiterschaft ein Existenzminimum empfing.

Marx, der seine eigene Lösung für dieses Dilemma hatte, genoss den Hinweis auf Ricardos Problem:
"Aber warum? Durch welches Gesetz ist der Wert der Arbeit in dieser Weise bestimmt? Ricardo hat in der Tat keine Antwort, außer ... das Gesetz von Angebot und Nachfrage ... Er bestimmt hier in einer der grundlegenden Thesen des gesamten Systems Wert durch Angebot und Nachfrage – wie Say mit Schadenfreude bemerkt."

Großartig. Aber ich biss die Zähne zusammen und versuchte es. Und ich erhielt die Überraschung, die ich ausführlich im nächsten Beitrag in dieser Serie beschreiben werde.
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