"The day after..."

Tags: Hellmeyer The day after Forex-Report 30.03.2017 Europäische Union Grossbritannien EZB FED Zinsen Wachstum Brexit

von Folker Hellmeyer

Der 30. März ist der Tag nach der Austrittserklärung gemäß Artikel 50 des UK aus der EU.

Ich habe an dieser Stelle mehrmals betont, dass das UK in der jetzt anstehenden 2-jährigen Phase jederzeit von der Erklärung des Austritts via Artikel 50 zurücktreten könne. Nach meinem letzten Besuch in Berlin und Frankfurt, sehe ich mich gezwungen, diese Sichtweise einzuschränken. Es gibt mindestens drei Rechtsgutachten, die zu jeweils unterschiedlichen Urteilen gelangen. Nur eines dieser drei Gutachten reflektiert die hier bisher eingenommene Position. Vor diesem Hintergrund ist der tatsächliche Brexit wahrscheinlicher, als es in diesem Report bisher dargestellt wurde.

Die Frage, welchen Kurs die Verhandlungen nehmen werden, steht jetzt im Fokus. Die Austrittserklärung hatte einen Unterton, der in der Diplomatie als durchaus kampflustig bezeichnet werden kann. So weit man die Historie des UK in der EU seit 1973 betrachtet, ist Brüssel gut beraten, in dieser letzten Phase des UK in der EU nicht die Verhaltensweisen von 1984 bis 2016 als Vorbild zu nehmen.

Fairness, die seitens der EU immer gegeben war, und Regelbasierung müssen die Grundlagen darstellen. Ein "Soft Brexit" wäre ein Schlag in das Gesicht eines jeden Kontinentaleuropäers. Ein "Hard Brexit", der über die Regeln hinaus verschärft würde, ist ebenso unangemessen, da das einem Schlag in das Gesicht eines jeden Briten gleichkäme.

Beides passte nicht zu dem europäischen Grundverständnis der EU, das uns verbindet oder doch verbinden sollte.

Wir hoffen, dass dieses Grundverständnis in London und auch den britischen Medien verankert ist. Das war nicht immer gewährleistet. Dort haben Kontinentaleuropa und die Bürger Kontinentaleuropas schon viele bösartige Schläge ins Gesicht ertragen müssen, genug ist genug.

Wir sind gespannt, in wie weit Brüssel & Co. in der Lage sein werden, regelbasiert zu agieren. Bezüglich der Haltung gegenüber dem UK wäre es in der Tat eine neue Erfahrung. Es bleibt spannend!

 

Damit kommen wir zur EZB.

Kaum touchiert der Euro gegenüber dem USD die Marke 1,09, kommt es zu hektischer Betriebsamkeit in der EZB. Das ist aller Wahrscheinlichkeit natürlich ein absoluter Zufall, denn ansonsten wäre es ein impliziter Beleg, dass die EZB sehr wohl Devisenmarktpolitik machte, für die sie überhaupt kein Mandat hat.

Also sind die Einlassungen, die uns gestern erreichten purer Zufall. Das gilt es, zunächst zweifelsfrei zu konstatieren. Die EZB sieht sich nach der letzten EZB-Ratssitzung missverstanden. Die EZB wollte bei der letzten Sitzung lediglich feststellen, dass die Risiken gesunken seien. Es lag ihr fern, zu signalisieren, dass damit ein Schritt in Richtung Ausstieg aus den aktuellen Maßnahmen in absehbarer Zeit gemacht würde.

Halten wir inne:

Die Risiken, deren Folgen dann nicht eintraten, waren Grundlage der aktuellen Maßnahmen. Wenn die Risiken, deren Folgen nicht eintraten, aktuell zurückgehen, dann ist das jetzt für Maßnahmen irrelevant? Wo ist hier die Logik, mehr noch wo ist hier die intellektuelle Konsequenz? Wenn die fehlt, wo ist dann die Glaubwürdigkeit?

Die Fakten der Eurozone sind eindeutig. Höchster Wachstumspfad seit 2011 (im Gegensatz zu den USA), geringste Arbeitslosigkeit seit Juli 2009, zunehmende konjunkturelle Dynamik (PMIs), beste Qualität der Expansion, da auf wiederkehrenden Einkommen basierend (im Gegensatz zu den USA), zurück gehende Haushaltsdefizite (im Gegensatz zu den USA) und stabile Außenhandelsüberschüsse (im Gegensatz zu den USA).

Und die USA wollen also Zinsen erhöhen, mindestens zwei, vielleicht drei oder maximal vier Erhöhungen sollen 2017 möglich sein. Die Zentralbankgouverneure Rosengren, Williams und Evans haben Zinserhöhungsphantasien befördert. Die angeblich gute US-Konjunkturlage sei für diese Szenarien ursächlich. Was ist an letzter Aussage postfaktisch?

Ja, Sie liegen richtig, es handelt sich um den schwächsten US-Wachstumsclip seit 2011, der jetzt als starkes Wachstum an den internationalen Medien- und Analysebörsen feil geboten wird. In der Phase 2011 ff. wurde aus Konjunkturgründen in den USA die Geldpolitik weiter gelockert, Sie erinnern sich sicherlich.

Ergo ist es nicht das angeblich starke Wachstum, das die Fed treibt, sondern es ist die zunehmende Inflation und/oder die Tatsache potentielle Handlunsgfähigkeit bei einer zukünftigen Krise an der Zinsfront im letzten verfügbaren Zeitfenster zu schaffen.

Es stehen viele Fragen im Raum. Ich gebe Ihnen gerne drei Beispielfragen an die Hand. Wie weit sind die Welten/Realitäten der Federal Reserve und der EZB voneinander entfernt? Kann eine derartige Divergenz zwischen Fed und EZB Basis für eine zukünftige Krise sein? Wie buchstabiert man in der Eurozone/EZB den Begriff Stabilitätspolitik?

Aktuell ergibt sich ein Szenario, das den Euro gegenüber dem USD favorisiert. Erst ein Unterschreiten des Unterstützungsniveaus bei 1.0450-1.0480 dreht den Bias zu Gunsten des USD.

Viel Erfolg!

© Folker Hellmeyer 

Chefanalyst der Bremer Landesbank

 

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