Unlösbares Dilemma: Über die "kurzsichtige" Evolution und "weitsichtige" Gottspieler

Tags: Juli 2016 Christoph Karl Ralf Flierl Ralph Malisch Smart Investor

vom Smart Investor

Gestern lud „Die Umwelt-Akademie“ in München zu einem Vortrag mit dem etwas sperrigen Titel „Die „kurzsichtige“ Evolution: Warum evolutionsbedingte Gründe ein generationenübergreifendes, nachhaltiges Handeln erschweren“ ein. Prof. Dr. med. Thomas Cremer, Professor für Anthropologie und Humangenetik der Ludwig-Maximilians-Universität München, erläuterte nicht nur die Grundlagen der Evolution, sondern zeigte eindrucksvoll, wie stammesgeschichtlich tief verwurzelt bestimmte Verhaltensweisen im Menschen sind... – etwa ein Verhalten, das sich kurz auf die Formel „Wir gegen Die“ bringen lässt: Altruistisches Verhalten zeigt sich demnach eher zwischen den Mitgliedern derselben Gruppe, während aggressives Verhalten eher zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen zu beobachten ist. Auch „unser“ Gerechtigkeitsempfinden ist demnach keine spezifisch menschliche Eigenschaft. Schon Kapuzineräffchen, deren evolutorischer Weg sich von dem des Menschen bereits vor rund 55 Millionen Jahren getrennt hat, zeigen ein vergleichbares Verhalten. Die meisten Menschen, die den folgenden kleinen Videoausschnitt des Verhaltensforschers Frans de Waal sehen, werden sich im Verhalten des kleinen Affen wiedererkennen können. Natürlich kontrollieren wir unsere Reaktionen auf wahrgenommene Ungerechtigkeiten etwas besser – Zivilisation eben. Die Distanz einer solchen Perspektive zeigt uns aber auch, welche Kräfte in uns angelegt sind, abseits des ach so hochgepriesenen Intellekts und der Versuche von Gesellschaftsklempnern aller Couleur, „Neue Menschen“ zu schaffen. Dennoch, wenn sich unsere Umweltbedingungen zu rasch verändern – und wir verändern sie selbst ohne Wissen um die Konsequenzen –, dann könnte es sein, dass unsere eigene Anpassung damit nicht Schritt halten kann. Der Mensch würde, wie so viele Gattungen vor ihm, aussterben. Hier drückte Cremer nun die Hoffnung aus – mehr allerdings auch nicht –, dass der denkende Mensch, anders als Ameisen, weitsichtiger agieren könnte als die „kurzsichtige“ Evolution. Wenn man in den Bereichen Politik und Wirtschaft zuhause ist, dann muss man hier wohl ein noch dickeres Fragezeichen setzen, denn diese Chance ist möglicherweise äußerst gering. Die Erfahrung zeigt, dass das Denken in diesen Kontexten mitunter noch wesentlich weniger kooperativ und noch sehr viel kurzsichtiger orientiert zu sein scheint als beim Durchschnittsmenschen. Unabhängig davon formulierte bereits Goethe: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Je größer die Einheiten sind, in deren Namen geirrt wird, desto massiver sind die Konsequenzen. Insofern könnte die Aufspaltung eines Gebildes wie der EU, das sich nun mit dem Brexit ankündigt, nach unserer festen Auffassung letztlich sogar „organisationsevolutorisch“ eine gute Strategie sein. Schließlich ist die Geschichte menschlicher Glaubenssätze auch ganz wesentlich eine Geschichte von Irrtümern. Während Goethe sich auf wohlmeinendes Streben bezog, befassen wir uns in der Titelgeschichte „Skrupellos – Psychopathen an der Macht“ des aktuellen Smart Investor 7/2016 mit weniger angenehmen Zeitgenossen. Diesen Menschen ist es schlicht völlig egal, ob sie sich irren und was sie damit anrichten. Genau deren Anteil in den Alpha-Positionen von Wirtschaft und Politik ist aber überproportional hoch. Nicht gerade eine beruhigende Vorstellung, falls sich diese Menschen dann auch noch dazu berufen fühlen, „Gott“ zu spielen. Man kann es drehen und wenden wie man will, das Dilemma bleibt.

Genspieler
Gott spielen und die Evolution überlisten will der Mensch auch mit Hilfe der sogenannten „Grünen Gentechnik“. Durch ein intelligentes Design der Pflanzen werden diese resistent gegen bestimmte Herbizide, ein ungleich höherer Ernteertrag ist die Folge. Es entstehen dabei jedoch auch riesige Agrarfabriken. Monokulturen, die mit klassischer Landwirtschaft wenig gemein haben. Ob diese Technik langfristig die Menschheit besser ernähren kann, ist zumindest fraglich. Für völlig unbedenklich halten das Geschäft mit dem genveränderten Saatgut dagegen die gottspielenden Manager des Leverkusener Bayer-Konzerns. In einer Mega-Übernahme will sich der neue CEO Dieter Baumann in den USA den bisherigen Markführer Monsanto einverleiben. Bisheriges Gebot: Rund 62 Mrd. USD, 122 USD je Monsanto-Aktie. Zudem fordern die Amerikaner eine satte Erhöhung des Angebotspreises – und dies trotz zuletzt deutlich rückläufiger Quartalszahlen. Was ganz eindeutig zeigt, dass Größenwahn gepaart mit niedrigen Zinsen selten zu sinnvoller Kapitalallokation führt. Denn es sind vor allem die niedrigen Finanzierungskosten (ca. 3% für neue Anleihen über rund 42 (!) Mrd. EUR), die den Deal in den Augen von Baumann und der ihn beratenden Investmentbanker attraktiv erscheinen lassen. Was dabei jedoch viele übersehen: Am Ende des Tages ist Monsanto ein Problemfall. Zwar (noch) nicht in finanzieller Hinsicht, dafür jedoch mit Blick auf das Image des Konzerns aus St. Louis. Auch rein monetär wird die Transaktion die Zahlen von Bayer lediglich marginal verbessern. Das Management rechnet bis 2018 lediglich mit einer Ergebnisverbesserung von rund 15% je Bayer-Aktie. Dieter Baumann hätte wohl eher auf seine eigenen Aktionäre hören sollen, die sich im Gegensatz zu ihm offensichtlich einen gewissen Realitätssinn erhalten haben. Laut einer Studie des US-Asset-Managers Bernstein unter 168 institutionellen Investoren, die bei Bayer oder Monsanto investiert sind, ergibt sich ein eindeutiges Bild: Während die Monsanto-Aktionäre gerne ihre Aktien abgeben würden, scheint bei den Bayer-Anteilseigner eher Skepsis zu herrschen. Diese würden eher eine Absage der Transaktion bevorzugen und eine Konzentration auf das bestehende Pharma-Geschäft sehen. Im aktuellen Smart Investor haben wir uns aus strategischer und finanzieller Sicht mit der geplanten Mega-Übernahme beschäftigt. Lesen Sie unsere Analyse ab S. 62 im Smart Investor 7/2016.

2016_07_13 Gold

Zu den Märkten
Gestern sprachen wir mit Andreas Böger, Fondsmanager des C-QUADRAT Gold & Resources Funds (R-Tranche, ISIN: AT0000A07HF4) über Edelmetalle und seine Einschätzungen zu deren weiterer Entwicklung. Wir teilen seine grundsätzlich positive Sicht des Sektors. Für sehr interessant hält Böger übrigens das Gold/Silber-Ratio, das auch als „Credit-Spread“ verstanden werden kann. Dieses Ratio sei in inzwischen sogar fast aussagekräftiger als traditionelle Spreads zwischen Unternehmens- und Staatsanleihen: „Wenn eine inflationäre Phase hinsichtlich der Preis- und Geldmengenentwicklung dominant wird, wird tendiert Silber dazu, sich besser als Gold zu entwickeln.“ In der Abb. ist die Entwicklung dieses Verhältnisses seit dem Jahr 2011 dargestellt (Gold/Silber*100). Auffällig ist, dass der relative Aufwärtstrend von Gold gegen Silber, der während der Edelmetallbaisse der letzten Jahre unangetastet intakt war, im April 2016 eindrucksvoll gebrochen wurde. Nach einer klassischen Pullback-Bewegung rutschte dieses Verhältnis weiter deutlich ab – Gold war also wesentlich schwächer als Silber, bzw. Silber entwickelte sogar gegenüber dem bereits gut performenden Gold Relative Stärke. Diese neue Silber-Stärke könnte sich tatsächlich als früher Inflationsindikator erweisen – interessanterweise in einer Zeit, da man sich offiziell vor allem um deflationäre Tendenzen sorgt und die Notenbanken mit eben dieser Begründung die Geldschleusen weiter rekordweit geöffnet und die Zinsen rekordtief gedrückt halten.

Es ist diese Geldpolitik – das Wort „akkomodierend“ wäre eine starke Untertreibung –, die offensichtlich auch weiter die treibende Kraft hinter den Aktienkursen darstellt. Während man sich gerade um einen geordneten Rückzug der Briten vom sinkenden EU-Schiff bemüht, während die Krise um italienische Zombie-Banken und auch den deutschen „Branchenprimus“ erneut aufbricht, während die NATO ihre aktuelle Frontstellung gegen Russland derart offen eskaliert, dass auch Friedensnobelpreisträger Gorbatschow nicht länger schweigen mochte, und während parallel dazu die Spannungen im südchinesischen Meer rasant ansteigen, passiert was? Richtig, der S&P500 markierte gestern ein neues Allzeithoch. An Dramen fehlt es also nicht. Die Frage ist nur, wie diese in die Kurse eingearbeitet werden. Im Wesentlichen sind vier Varianten und die entsprechenden Kombinationen daraus denkbar. Erstens, alle negativen Entwicklungen sind bereits bekannt und daher eingepreist. Zweitens, die negativen Auswirkungen werden vollkommen unterschätzt. Drittens, die Geldschwemme überlagert jedes sachliche Argument. Viertens, die Marktteilnehmer sind nach Jahren im Krisenmodus bereits weitestgehend abgestumpft und betreiben „Business as usual“, egal was komme. Wie auch immer, ein frischer Ausbruch auf ein Allzeithoch ist eine Tatsache, die man nicht übergehen sollte. Fällt der Markt nicht unmittelbar zurück, was dann als Fehlsignal mit den entsprechend negativen Implikationen bewertet werden müsste, bleibt die Standarderwartung auf weiter steigende Kurse gerichtet.

Smart Investor 7/2016:

00_Smart-Investor-07-16.inddTitelstory: Skrupellos – Psychopathen an der Macht

Minenaktien: Steil aufwärts – unsere Favoriten in den verschiedenen Segmenten

Interview: US-Fondsmanager Michael Keppler über seinen systematischen Value-Ansatz

Grüne Hölle: Bayers Monsanto-Deal droht zum Mega-Fiasko zu werden

… und vieles mehr.

 

 

 

 

 

Fazit
Der gelegentliche Blick über den Tellerrand zeigt, in welchen Wirkungszusammenhängen wir uns befinden. Der Mensch beschleunigt seine Welt und erhöht permanent die Einsätze, versteht dabei aber nicht ansatzweise die Fernwirkungen seiner Interventionen. Zur Hybris der „Gottspieler“ gehört, dass diese sich selbst stets im Besitz des ultimativen Wissens wähnen – auch wenn die Geschichte sie meist nach relativ kurzer Zeit eindrucksvoll widerlegt.

© Ralf Flierl, Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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