Warum werden Krisenherde immer unterschätzt?

Tags: Inflation Türkei Warum werden Krisenherde immer unterschätzt? Meinung Antizyklischer Börsenbrief Andreas Hoose

von Andreas Hoose

Dass Experten bedeutende Entwicklungen im Vorfeld nicht erkennen, hat eine lange Tradition. Die Türkei-Krise könnte sich zu einem Schulbeispiel entwickeln.

Pünktlich zur traditionellen Schwächeperiode der Börsen im September und Oktober spitzt sich die Lage in einer Region wieder zu, die viele Kommentatoren noch vor wenigen Tagen bereits abgehakt hatten:

In der Türkei wurden in dieser Woche beunruhigende Inflationszahlen veröffentlich. Demnach sind die Verbraucherpreise im August im Jahresvergleich um fast 18 Prozent gestiegen. Mit der höchsten Teuerungsrate seit September 2003 wurden die Befürchtungen der Analysten deutlich übertroffen.

Die Lage scheint demnach schlimmer zu sein, als von den Experten erwartet und noch vor wenigen Wochen prognostiziert. Dies passt hervorragend zu einem Bild, das sich wie ein roter Faden durch die Finanzgeschichte zieht:

Im Vorfeld großer Finanzmarktturbulenzen lässt sich immer wieder beobachten, dass Krisenherde notorisch unterschätzt werden. Insbesondere von den so genannten Experten…

Dass auch die türkische Krise noch längst nicht vom Tisch ist, zeigen derzeit die Anleihemärkte. Dort sind die Renditen fünfjähriger türkischer Anleihen zuletzt wieder deutlich gestiegen. Und zwar so massiv, dass dabei sogar das Krisenniveau vom Oktober 2008 erreicht wurde. Die folgende Abbildung zeigt das:

Der anhaltende Renditeanstieg bei türkischen Staatsanleihen deutet darauf hin, dass auch der Abwertungsdruck auf die türkische Lira anhalten wird. Die türkische Notenbank hat daher bereits angekündigt, die Zinsen zur Bekämpfung der Inflation weiter anheben zu wollen.

Professor Dr. Thorsten Polleit schreibt dazu im folgenden Beitrag:

„Stark steigende Zinsen werden den Kreditboom in der Türkei sehr wahrscheinlich in sich zusammensacken lassen. Rezession und Arbeitslosigkeit wären die Folge. Für die Weltwirtschaft bedeutsam dürfte vor allem der mögliche "Ansteckungseffekt" sein, sollten die türkischen Schuldner ihre Fremdwährungskredite nicht mehr bedienen können. Dann könnten sich die Investoren auch von anderen Fremdwährungsschuldnern - wie zum Beispiel Mexiko, Argentinien, Indonesien oder Brasilien - abkehren, und diese Länder kämen in eine vergleichbar schwierige Lage bringen wie die Türkei. (1) Aus der türkischen Lira-Krise würde eine Krise der aufstrebenden Volkswirtschaften“.

Genau danach sieht es derzeit aus. Denn verschärft wird die Misere noch durch Schieflagen im türkischen Bankensektor: Hohe ausstehende Fremdwährungskredite werden begleitet von kaum vorhandenen Währungsreserven. Das Kreditwachstum notierte zuletzt bei fast 20 Prozent pro Jahr. Bis zu zehn Prozent der Kredite gelten schon heute als uneinbringlich. Was die Währungsreserven seiner Bankhäuser betrifft, befindet sich die Türkei allerdings in so illustrer Gesellschaft von Ländern wie Pakistan. Dort ist die Ausstattung mit Reserven ähnlich desolat. Dazu die folgende Abbildung:

Alarmierend sind die Auslandsschulden des Landes in Relation zur Wirtschaftsleistung. Die folgende Grafik verdeutlicht die einsame Spitzenposition der Türkei im internationalen Vergleich:

Dem Land droht daher jetzt ein brisanter Cocktail aus lahmender Wirtschaft, explodierender Inflation und schwach kapitalisierten Banken. Hinzu kommen die enormen Auslandsverbindlichkeiten in Höhe von zwei Dritteln der jährlichen Wirtschaftsleistung (BIP).

Alarmierend ist in diesem Zusammenhang, dass der gesamte europäische Bankensektor von der Krise in der Türkei betroffen ist. Laut den Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vom März dieses Jahres stehen dort rund 223 Milliarden Euro im Feuer. Dazu die folgende Abbildung:

Vor diesem Hintergrund kann man auch einmal an den eingangs erwähnten Aspekt denken:

Rückblickend wurde noch jeder (jeder!) Auslöser einer schweren Finanzmarktkrise im Vorfeld massiv unterschätzt. Das war so unmittelbar vor dem Börsencrash von 1907, der sechs Jahre später zur Gründung der US-Notenbank führte. Ähnliches war 1929 zu beobachten, als der hochangesehene Ökonom Irving Fisher noch wenige Wochen vor dem Jahrhundert-Crash faselte, die Aktienkurse hätten ein „dauerhaft hohes Niveau erreicht“.

Auch der Gründerkrach des Jahres 1873, als ausgehend von der Wiener Börse, die Kapitalmärkte in Westeuropa kollabierten, erwischte die Anleger quasi aus „heiterem Himmel“.

Und wer erinnert sich noch an die salbungsvollen Worte eines gewissen Ben Bernanke, der im Frühsommer 2007 orakelte, die US-Immobilienkrise habe nicht das Potential, die US-Wirtschaft zu gefährden? Andere Prominente, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, waren ähnlich ahnungslos, wie der folgende BILD-Beitrag dokumentiert.

Oder nehmen wir die Asienkrise 1997. Die weltweiten Währungsturbulenzen starteten seinerzeit im scheinbar unbedeutenden Thailand. Niemand machte sich deswegen Sorgen. Doch schon wenige Monate später waren die Medien voll von Horrorschlagzeilen, weil in Südostasien „plötzlich“ ganze Volkswirtshaften vom Bankrott bedroht waren. Heute ist der Krisenherd die Türkei, und kaum jemanden kümmert das groß.

Und dieses Muster zieht sich durch die Finanzgeschichte seit der Südseeblase vor rund 300 Jahren:

Die Auslöser großer Krisen werden IMMER massiv unterschätzt, gerade auch von den so genannten Experten.

Bei der fehlerhaften Beurteilung von Krisenherden, gerade auch durch Experten und Fachleute, dürften zwei Faktoren eine Rolle spielen.

Aktuell sieht es so aus., als würden viele Fachleute in der Türkei-Frage den übergeordneten Zusammenhang nicht sehen. Denn das Land ist „lediglich“ der immer stärker wankende Repräsentant eines globalen ungedeckten Papiergeldsystems, in dem Banken per Kreditvergabe neues Geld aus dem Nichts erschaffen. Dies setzt einen künstlichen Aufschwung in Gang, der nachfolgend in eine Rezession münden muss.

Dabei gilt: Je größer der Boom, desto heftiger der nachfolgende Abschwung...

Doch weil die Zentralbanken diese konjunkturellen Wirkungszusammenhänge durch ihre fortgesetzte Niedrigzinspolitik ausgehebelt haben, gehen Investoren heute wie selbstverständlich davon aus, dass die Geldverwalter jede neuerliche Krise sofort durch niedrige Zinsen und eine Ausweitung der Geldmengen im Keim ersticken werden.

Bislang hat das auch geklappt, doch der Zahltag rückt unverkennbar näher. Sollte die Türkei-Krise auf die übrigen Schwellenländer übergreifen, dürfte es soweit sein.

Gut möglich also, dass auch Janet Yellen der Tradition zahlloser Vorgänger folgen und mit einer grandiosen Fehlprognose in die Geschichtsbücher eingehen wird: Kurz vor ihrer Amtsübergabe an Jerome Powell hatte die scheidende Fed-Chefin sich zu der Aussage verstiegen, zu unseren Lebzeiten würden wir keine schwere Finanzmarktkrise mehr erleben.

Das klingt nach einer historischen Fehleinschätzung, die der Dame schon bald auf die Füße fallen könnte…

© Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief

Der Artikel erschien zuerst auf godmode-trader.de

Hinweis: Meinungen oder Empfehlungen geben die Einschätzung des jeweiligen Verfassers oder Interviewpartners wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung der „Metallwoche“ oder deren Betreiber dar. Der vertretene Standpunkt spiegelt nicht die Meinung des Website-Betreibers und stellt keinerlei Aufforderung zum Kauf-/Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Anlagemöglichkeiten dar. Beachten Sie bitte auch unseren Disclaimer!

Kommentare

Sie sind nicht eingeloggt! Sie können Kommentare nur sehen, wenn Sie eingeloggt sind und ein aktuelles Abonnement besitzen. Log-In