Wenn zwei sich einigen...heulen die Wölfe

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vom Smart Investor

So viel Annäherung zwischen den USA und Russland war schon lange nicht mehr. Eigentlich gute Nachrichten, sollte man meinen – gerade für uns in Europa. Doch das Aufjaulen der Großmedien, die Trump nach dem Helsinki-Gipfel als „Weichling“ beschimpften, der vor dem russischen Präsidenten Putin eingeknickt sei, war überwältigend. Es war so überwältigend, dass man fast zwangsläufig zu dem Schluss kommt, dass Trump etwas sehr richtig gemacht haben muss... Selbst in Trumps eigener Partei sprachen Hardliner von Verrat. Nun, ähnliche Vorwürfe wurden seinerzeit auch von Hardlinern gegen Ronald Reagan erhoben als dieser sich erstmalig mit Michail Gorbatschow traf. Wie die Geschichte weiterging, ist bekannt. Die, die jetzt so hart mit Trump ins Gericht gehen, sind übrigens dieselben, die kriegsbesoffen jubelten, als er im April 2017 ein paar Dutzend Tomahawks auf das syrische Flugfeld Al-Schairat abfeuern ließ. Welche Interessen hinter unseren Leitmedien stehen, die Krieg und Konflikt so viel besser finden als Annäherung und Verständigung, ist eine Frage, die sich ebenfalls aufdrängt. Donald Trump hat nun jedenfalls genau das gemacht, was ihm Beobachter bereits im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl zugetraut hatten bzw. befürchteten: Er ist dabei, einen Draht zu Wladimir Putin zu finden – und dies, obwohl genau dieser Weg durch die anhaltenden Russland-Ermittlungen von Anfang an verbaut werden sollte. Offenbar steht Trump auch den gebetsmühlenartig wiederholten und wirklich scheinheiligen westlichen Narrativen zum Syrien-Krieg und zur Krim-Annexion kritisch gegenüber. Beide Konflikte haben nämlich Vorgeschichten eines (versuchten) Regime Changes, bei denen Obama/Clinton/Nuland zwar treibende Kraft waren, sich die USA aber letztlich mit ähnlich wenig Ruhm bekleckert haben wie bei der fehlgeschlagenen Invasion in der kubanischen „Schweinebucht“.

Zwischen allen Stühlen

Deutschland und die EU tun sich mit den neuen amerikanischen Realitäten besonders schwer. Noch immer wird eine Politik gemacht, die so tut, als sei Trump ein vorübergehendes Phänomen, das sich durch ein Wunder in Luft auflösen werde. Schließlich sind die USA doch das Land der demokratischen Obamas, der ehrlichen Clintons und der friedfertigen Bushs. Nun gut, es war noch nie eine empfehlenswerte oder gar erfolgreiche Strategie, vor der Realität die Augen zu verschließen. Barack Obama ist nicht mehr US-Präsident und Hillary Clinton ist nicht US-Präsidentin geworden. Es ist an der Zeit, dass sich diese schlichte Erkenntnis auch langsam in den europäischen Hauptstädten durchsetzt – zumal Donald Trump dieser Tage seinen Hut für eine weitere Amtszeit in den Ring geworfen hat. Und wo wir schon beim Realismus sind: Dass Trump tatsächlich wiedergewählt werden könnte, ist nach den aktuellen Umfragen die wahrscheinlichste Alternative, da mögen die mehr oder weniger edlen Federn dies- und jenseits des Atlantiks noch so zetern und ihr Gift verspritzen. Ganz nebenbei bemerkt konnten all die klugen Kommentatoren auch gar nicht wissen, was in dem knapp dreistündigen Gespräch zwischen Trump und Putin konkret besprochen wurde, was sie freilich nicht daran hindert, nach Kräften darüber zu fabulieren. Wir meinen, es ist eine gute Nachricht, dass sich die ein US-Präsident und ein russischer Präsident nach Jahren der Eiszeit zum Gespräch zusammengefunden haben und es ist ebenfalls eine gute Nachricht, dass es danach auch noch eine gemeinsame Pressekonferenz gab. Wenn die EU weiter den alten Obama/Clinton-Konfrontations- und Sanktionskurs gegen Russland fortführt, dann tut sie das möglicherweise in einiger Zeit ohne Rückendeckung durch die USA. Spätestens dann sitzen wir wieder einmal zwischen allen Stühlen.

 

Zu den Märkten

Totgesagte leben länger, heißt es – und der DAX gehört offensichtlich dazu. Mit dem gestrigen Sprung über den wichtigen Widerstand bei 12.600 Punkten, hat sich das Bild für deutsche Blue Chips aufgehellt (vgl. Abb., schwarze Linie). Allerdings befindet sich der Index noch immer innerhalb der freihändig gezeichneten rechten Schulter der hier schon häufiger thematisierten, möglichen Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation. Für eine Entwarnung ist es also noch zu früh. Dennoch sollte man solche Gewichtsverschiebungen aufmerksam beobachten, da sie durchaus Vorboten für größere Bewegungen sein können. An dieser Stelle vielleicht noch ein kleiner Hinweis zu unserer Herangehensweise: Die Technische Analyse wird ja gerne als „Kaffeesatzleserei“ belächelt. Wir sind nicht dieser Meinung. Denn allen Nachrichten, Daten und Informationen zum Trotz, entscheidend ist letztlich, wie die Marktteilnehmer darauf reagieren: Sie kaufen, sie verkaufen oder sie entschließen sich (vorerst) nichts zu tun. Alle diese Entscheidungen hinterlassen nicht nur ihre Spuren im Chart, durch sie entsteht der Chart überhaupt erst. Und um die Kurse marktschwerer Titel wie der des DAX zu bewegen, muss schon einiges an Geld in die Hand genommen werden. Nun ist es nicht so, dass man aus diesen Aktionen direkt in die Zukunft sehen könnte. Aber man kann sehen wie sich Einschätzungen im Zeitablauf verändern, und zwar besonders gut, wenn „eindeutige“ Vorgaben nicht aufgenommen werden. Das war beispielsweise in der abgelaufenen Woche der Fall. Das Scheitern am Widerstand und der Ausbruch aus einem aufsteigenden Keil hatten eigentlich das Feld für weiter fallende Kurse bestellt. Eigentlich, denn die Vorgabe verpuffte angesichts einer Kaufwelle. Der DAX drehte nach oben, durchschlug den Widerstand und liegt per Redaktionsschluss knapp unter seiner 200-Tage-Linie (blau). Tritt man zudem noch einen Schritt zurück, dann sind die letzten Monate ohnehin primär von einem ständigen gegenseitigen Abtasten zwischen Bullen und Bären gekennzeichnet, die große Richtungsentscheidung steht noch aus. Unsere Erwartung geht allerdings aus verschiedenen, hier und in der Druckausgabe erläuterten Gründen von mittelfristig sinkenden Kursen aus.

Fazit

 

Der DAX konnte in der vergangenen Woche die negativen technischen Vorgaben abschütteln. Auch scheinen die Weltmärkte den Helsinki-Gipfel nicht annähernd so negativ zu bewerten wie das die politischen Mainstreammedien tun. Wir bleiben zurückhaltend und gehen in keine Richtung aggressive Wetten ein.

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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